In Washington hat der letzte große Prozeß gegen einen der Hauptakteure im Iran-Contra-Skandal, den ehemaligen Sicherheitsberater Präsident Reagans, Admiral a.D. John Poindexter, begonnen. Noch einmal geht der Vorhang auf für ein Drama, das schon verstaubt erscheint, obwohl sein Hintergrund unverändert aktuell geblieben ist. Die Geiseln im Libanon, für die Ronald Reagan einst alle erklärten Maximen amerikanischer Außenpolitik zu brechen bereit war, sind immer noch in Gefangenschaft. Lediglich die Hoffnung ist in den letzten Tagen stärker geworden, daß die wachsende Vernunft im Iran demnächst doch zu ihrer Freilassung führen könnte. Vier Jahre sind vergangen, seit Reagan die Order erteilte, Waffen an den Iran zu verkaufen, um die Geiseln freizubekommen, und befahl, die geplante Transaktion gegenüber dem Kongreß zu verheimlichen. Wenige Monate später, im Mai 1986, schickte der Präsident seinen früheren Sicherheitsberater Robert McFarlane unter abenteuerlichen Umständen zu Verhandlungen nach Teheran. Zur gleichen Zeit zog Oliver North aus dem Weißen Haus heraus die Kanäle, durch die die Gewinne aus dem Iran-Geschäft illegal auf die verdeckten Konten der antisandinistischen Contra-Rebellen fließen sollten.

John Poindexter, der im Dezember 1985 die Nachfolge McFarlanes als Sicherheitsberater antrat, will für all dies vor dem Untersuchungsausschuß des Kongresses die Verantwortung übernehmen. Seine Amtszeit endete, als der Iran-Contra-Skandal im November 1986 aufflog. "Die letzte Verantwortung liegt bei mir", erklärte der getreue Ekkehard Reagans in Harry-Truman-Pose. Schützend stellte er sich vor seinen Präsidenten, der von den seltsamen Machenschaften um ihn herum im Sommer und Herbst 1986 nur wenig erfahren haben will, ja der überhaupt nicht gewußt haben will, daß Geld gegen ein Verbot des Kongresses für die Contras abgezweigt wurde. Niemand außer Poindexter weiß bis zur Stunde, ob Reagans Behauptung stimmt; in diesem Punkt könnte der Prozeß noch Aufklärung leisten. Oliver North hat zugegeben, zur heimlichen Contra-Hilfe ein Memorandum verfaßt zu haben, von dem er annahm, daß es über Poindexter an den Präsidenten ginge. Und McFarlane hat ausgesagt, es sei so gut wie unvorstellbar, daß der Sicherheitsberater eine politisch so explosive Geschichte für sich behalten hätte. Poindexter allerdings bestand darauf, genau dies zum Schutz Reagans getan zu haben. Wird er dabei bleiben?

Für seine Loyalität wird Poindexter eine hohe Zeche zahlen müssen. 25 Jahre Gefängnis und 1,25 Millionen Dollar Bußgeld drohen ihm als Höchststrafe, wenn er in allen fünf Punkten der Anklage wegen Verschwörung zur Täuschung und Behinderung der Untersuchungsinstanzen des Kongresses schuldig gesprochen wird.

Es war offenbar diese wenig erfreuliche Perspektive, die ihn und seine Anwälte doch an die Existenz eines letztverantwortlichen Präsidenten denken ließ. Reagan wurde einvernommen; mittels Videoaufzeichnung werden seine Erklärungen im Prozeß eingespielt. Die Wirkung auf die Geschworenen ist abzuwarten. Bisher bleibt jedenfalls alles wie gehabt: Auf der Mattscheibe erscheint ein leutseliger, unschuldiger Expräsident, der das Markenzeichen für die schwerste Krise seiner Präsidentschaft weiter pflegt – sein selektives Vergessen.

Ronald Reagan ist es gelungen, sich der Verantwortung für den Iran-Contra-Skandal und dem kritischen Urteil der Nation zu entziehen. Für seine Erinnerungslücken muß nun Poindexter – mehr noch als North und McFarlane – den Kopf hinhalten. Für die abenteuerlichen Eskapaden einer vom Antikommunismus besessenen Administration kann Poindexters Berufung auf den Willen des Präsidenten keine Entschuldigung sein. Er wird das traurige Schlußkapitel einer Geschichte füllen, die sich durch die anstehende Auflösung der Contras historisch selbst erledigt.

Ulrich Schiller