Von Karl-Heinz Büschemann

Wenn das kein Zufall ist Wahrend bei der Frankfurter DG Bank fieberhaft danach geforscht wird, wie es zu fragwürdigen Rentengeschaften mit franzosischen Kreditinstituten kommen konnte, die dem Spitzeninstitut der deutschen Volks- und Raiffeisenbanken Verluste von vermutlich 600 Millionen Mark brachten, beginnt in München ein Prozeß, der sich ebenfalls mit einer Schieflage in der Raiffeisenbanken-Famihe befassen muß

Allerdings geht es bei dem Verfahren in der bayerischen Landeshauptstadt, das am kommenden Wochenende beginnt, nicht nur um Hunderte von Millionen Mark Die Richter der 27 Strafkammer des Münchner Landgerichts werden aufklaren müssen, wie es die Bayerische Raiffeisen-Zentralbank AG (BRZ) schaffen konnte, mit Immobilienfinanzierungen die stolze Summe von vermutlich sogar mehr als 1,5 Milliarden Mark zu verspielen Das hatte zur Folge, daß das bayerische Institut 1986 in aller Eile von der Frankfurter DG Bank übernommen werden mußte, um eine Riesenbankpleite zu verhindern Dem kompletten damaligen BRZ-Vorstand unter der Fuhrung seines Vorsitzenden Konrad Vilgertshofer, drei Mitgliedern des Aufsichtsrats und weiteren zwei Direktoren der Bank drohen, sollte das Gericht der Anklage folgen, Strafen wegen fortgesetzter Untreue in besonders schwerem Fall Die fünf Richter dieses Prozesses, der bisher als eines der größten Wirtschaftsverfahren in der bundesrepublikanischen Geschichte gilt, sind um ihre Aufgabe nicht zu beneiden Immerhin müssen sie Licht in rund 10 000 einzelne Immobiliengeschäfte zwischen Hamburg und München bringen Allein die Klageschrift besteht aus über 700 Seiten

Offenbar war es Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre bei keiner Bank so einfach, einen Kredit für den Kauf einer Immobilie zu bekommen, wie bei den bayerischen Genossen Denn die schielten schon lange mit Neid auf die längst erfolgreich florierenden Baufinanzierungsgeschafte anderer Kreditinstitute und setzten alles daran, am Bau- und Immobilienmarkt jener Zeit kraftig mitverdienen zu können Vor allem große Münchner Bautragerfirmen, die in dieser Zeit mit steuersparenden Bauherrenmodellen Goldgräberstimmung verbreiteten, verstanden es, mit der BRZ umzugehen Sie konnten sich zunutze machen, daß sich die Raiffeisenbanker nichts so sehr wünschten, wie vom biederen Image einer landwirtschaftlichen Raiffeisenzentrale loszukommen und als moderne Banker aufzutreten

Allerdings waren die BRZ-Kunden nicht unbedingt erste Wahl Karl Fehrenbach, stellvertretender Vorstandsvorsitzender der DG Bank, sagt heute „Bei der BRZ gaben sich dubiose Bautrager die Klinke in die Hand “ Die cleveren Bauinitiatoren hatten mit den Münchnern leichtes Spiel Sie mußten oft nicht einmal aktuelle Bilanzen ihrer Firmen präsentieren, wenn sie Darlehen wollten Der Staatsanwalt weiß sogar von einem Kreditnehmer, der Geld bekam, obwohl er nach seinen vorgelegten Bilanzen bereits völlig uberschuldet war Auch die Bonität der einzelnen Bauherren wurde von der BRZ, die bei den Zinsen immer etwas teurer war als die Wettbewerber, oft nicht geprüft Sogar für angebliche Bauherren, die nicht einmal ein Einkommen nachweisen konnten, gab es Kredit von der BRZ

Auch die zu finanzierenden Immobilien nahm die Raiffeisen-Zentralbank nach Meinung der Staatsanwalte nicht so unter die Lupe, wie es sich für eine Bank gehört Die Genossen finanzierten danach bereitwillig völlig überteuerte Wohnungen und Hauser und verließen sich bei den Wertangaben allein auf die Initiatoren Manches Objekt war doppelt so hoch beliehen, wie es sein wirtschaftlicher Wert gerechtfertigt hatte Schon unter normalen Marktverhaltnissen waren diese Kredite zur Hälfte ungesichert gewesen

Als dann aber Mitte der achtziger Jahre der lange Zeit florierende Immobilienmarkt Schwachen zeigte und selbst in München sinkende Preise die Baugeschafte störten, gerieten die Bauherrenmodelle in die Krise Die Manager wurden ihre überteuerten Immobilien nun nicht mehr los und blieben der Bank ihre Kredite schuldig Vor allem aber kam jetzt das als cross selling bekannte System an die Oberflache, das die cleveren Raiffeisen Finanzjongleure erfunden hatten, um ein mißratenes Geschäft mit einem anderen zu finan zieren Ging einem der dubiosen Wunder-Bauunternehmer ein Hausprojekt schief, so sorgten die Raiffeisenbanker dafür, daß er eine nicht absetzbare Immobilie an einen anderen Initiator verkaufte, und zwar zu völlig überhöhten Preisen So machte der Verkaufer Umsatz und einen (Schein-) Gewinn, der Kaufer bekam von der BRZ für seine gefällige Übernahme der Schrottimmobilie einen neuen Kredit