Von Helga Wullweber

Das Kind einer Abgeordneten will nicht, wie die Mutter will. Das Kind will nicht, wie abgemacht, bei seinem Freund schlafen. Das Kind will nach Hause, jedenfalls zur Mutter, auch wenn diese gar nicht zu Hause, sondern in einer Bürgerschaftssitzung im Rathaus sich befindet. Ein Kurier fährt das Kind ins Rathaus. Dort darf es auf dem Gang zum Plenarsaal spielen. Während die Mutter auf ihrem Platz sitzt, drückt sich das Kind die Nase an der Glasscheibe der Schwingtür zum Plenarsaal platt. Die Mutter findet, das muß doch nicht sein. Warum soll sie sich mit dem Kind nicht nebeneinander auf zwei hintere leere Plätze setzen? Der guten Ordnung halber fragt sie den amtierenden Parlamentspräsidenten.

Der Parlamentspräsident ist ob dieses Ansinnens sehr erschrocken. Das hat es noch nie gegeben, ist sein erstes Argument. Erkennend, daß dieses Argument in Wahrheit keines ist, versucht er zu argumentieren, dann würde am Ende jede Abgeordnete – nicht „jeder“, dies erscheint ihm wohl doch zu fernliegend – ihre Kinder mitbringen, und dann ... Der Parlamentspräsident blickt sehr besorgt. Offensichtlich tobt vor seinem inneren Auge eine Kinderhorde über Tische und Bänke des Plenarsaals, selbst den Lärm der geschwätzigen Abgeordneten übertönend. Er liebe Kinder, erklärt er schließlich – die Frau hat ihre Zweifel, macht der Parlamentspräsident doch nicht den Eindruck, daß er Wilde, mit denen er anscheinend Kinder gleichsetzt, liebe –, aber in seiner Vorstellung sei das Parlament ein Ort der Würde. Mit dieser Würde vertrage es sich nicht, daß Kinder anwesend seien.

Die Frau ist verblüfft. Er meine also, daß die Anwesenheit von Kindern im Parlament würdelos sei? Nein, nein, schwächt der Parlamentspräsident ab, so habe er das nicht gemeint. Auch er liebe Kinder, beteuert er erneut. Es sei nur so, daß die Anwesenheit von Kindern der Würde des Parlaments nicht entspreche.

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Auch wenn es wahrhaftig drängendere Probleme als das des Zugangs von Kindern von Abgeordneten zum Plenarsaal gibt – weil weder für die Kinder noch für die Eltern das Zusammensein dort attraktiv ist und, hätten Kinder Zugang, diese Möglichkeit höchst selten wahrgenommen werden würde –, so muß doch die Verweigerung des Zugangs für Kinder unter Berufung auf die Würde des Parlaments heftigen Widerspruch provozieren. Diese Verweigerung zeigt, wie ungebrochen die patriarchalische Kultur in diesem gesellschaftlichen Bereich noch ist. Die Frauen-Abgeordneten haben Zugang nur, wenn sie sich aller familiären Verpflichtungen entledigen und ihren Alltag – wie die Männer das tun – so organisieren, daß Beruf und politische Arbeit nicht durch Überlappungen mit dem familiären Bereich beeinträchtigt werden.

Würde ist, so erklären es seit der Antike die Wertphilosophen, die Eigenständigkeit, die Wesenheit, die Natur des Menschen schlechthin, unabhängig von Zeit und Raum. Diese Definition stilisiert die Unterschiede zwischen Menschen zu natürlichen, unabänderlichen. Sie begreift auch die Geschlechterrollen als natürliche und folglich durch politische Aktionen nicht veränderbare.