Noch warten die Emissäre bundesdeutscher Großbanken in Ost-Berlin, Leipzig und Dresden darauf, endlich in das Geschäft mit heimischen Kunden einsteigen zu können, da haben DDR-Manager schon mit aller Diskretion die Gründung einer Großbank vorangetrieben. Am 1. April soll die erste privatwirtschaftliche Bank der DDR ihre Geschäfte aufnehmen. Wahrscheinlicher Name: Deutsche Kreditbank-AG. Vorstandsvorsitzender wird Edgar Most.

Derzeit ist Most Vizepräsident der Staatsbank der DDR, wo er sinnigerweise für den Aufbau des neuen Bankensystems zuständig ist. Von der Staatsbank wird das neue Kreditinstitut das Filialnetz übernehmen, überdies will es 200 zusätzliche Geschäftsstellen eröffnen. Die 9000 Mitarbeiter rekrutieren sich ebenfalls zu einem erheblichen Teil aus den Reihen der Staatsbank, deren Aufgaben nach Zustandekommen der Währungsunion der beiden deutschen Staaten die Bundesbank in Frankfurt übernehmen wird. Zur Zeit machen sich die künftigen Banker mit den Usancen des kapitalistischen Geldwesens vertraut, sie lassen sich auch in der Bundesrepublik ausbilden.

Aktionäre der neuen Großbank sind zunächst ausschließlich Betriebe aus der DDR, darunter die Hotelkette Interhotel, die Handelsorganisation HO, die Einzelhandelsgeschäfte, Hotels und Gaststätten betreibt, der Handelsbetrieb Konsum, Chemiekombinate und wahrscheinlich auch eine Versicherung, mit der Most noch verhandelt. Westdeutsche Banken haben schon den Wunsch geäußert, sich an der Bank zu beteiligen. Doch zunächst wollen die DDR-Aktionäre unter sich bleiben. Most: "Bevor die Ausländer kommen, müssen wir präsent sein. Diesen Vorteil wollen wir nutzen."

Was ist die DDR wert? Diese Frage will DDR-Wirtschaftsministerin Christa Luft jetzt ganz konkret gestellt wissen. Die (noch) Verantwortliche für das Wohl der ostdeutschen Wirtschaft hat die ihr unterstehenden Unternehmen angewiesen, Absichtserklärungen, Vorverträge und Kooperationsabkommen mit ausländischen Unternehmen nur noch dann abzuschließen, wenn die einzubringenden Grundstücke, Gebäude und Maschinen zuvor von Fachleuten bewertet wurden. Alle Abkommen mit Westfirmen müssen jetzt, so heißt es in einer Anweisung des Ministerrates, folgenden Zusatz enthalten: "Diese Vereinbarung erhält Rechtskraft, nachdem die Bewertung von materiellen (materiellen und immateriellen Werten) durch vom Ministerrat oder Delegierten des Ministerrates eingesetzte Wirtschaftsprüfer erfolgt ist."

Hintergrund dieses Erlasses ist die Sorge um den Schutz des DDR-Vermögens. Internationale Unternehmensberater und Wirtschaftsanwälte hatten die DDR-Regierung schon vor längerer Zeit darauf hingewiesen, daß die herkömmlichen Methoden der Vermögensbewertung in einer Situation des Übergangs von der Plan- zur Marktwirtschaft nicht greifen. Sowohl die Ertragswert- als auch die Substanzwertmethode führen dazu, daß das bisher volkseigene Vermögen systematisch unterbewertet wird. Folge: In Gemeinschaftsunternehmen erhält der westliche Partner die DDR-Einlage praktisch zum Nulltarif. Jetzt sollen offenbar westliche Experten der DDR-Regierung bei einer realistischen Bewertung helfen.

Mehr als vierzig Jahre lang war der Bezirk Kaliningrad, das frühere nördliche Ostpreußen, Sperrgebiet für alle Ausländer, besonders für Bundesbürger. Jetzt beginnt die bundesdeutsche Industrie dort Fuß zu fassen. Noch in diesem Monat will eine Stiftung Königsberg aus Essen in der Kopernikusstrafe in Kaliningrad/Königsberg ein Büro eröffnen. Ziel der Stiftung ist es, "sowohl in Königsberg als auch im nördlichen Ostpreußen diverse Projekte von gemeinsamem deutsch-sowjetischem Interesse zu realisieren". Erster Geschäftsführer der Stiftung ist der gebürtige Ostpreuße Dietrich-Wilhelm von Menges, ehemaliger Vorstandschef von Ferrostaal und Gutehoffnungshütte.

De ersten Projekte, die die Stiftung mit Hilfe westdeutscher Unternehmen realisieren will, sind Joint-ventures zum Wiederaufbau des ehemaligen Königsberger Parkhotels und zum Aufbau einer Baustoffabrik. Entsprechende Absichtserklärungen hatten Vertreter der Stiftung und des Kaliningrader Gebietssowjets bereits im Dezember unterzeichnet. Interessant sind die Projekte vor allem vor dem Hintergrund sowjetischer Pläne, im Raum Kaliningrad eine Sonderwirtschaftszone zu errichten.