Der US-Verlagsriese Random House entläßt den Chef seines Literaturverlags Pantheon

New York ist eine schnelle Stadt; wer da kein Telefax im Auto hat, zählt nicht. Mit eben der Geschwindigkeit führt man dort gerade ein Lehrstück auf, was – zum Beispiel – den DDR-Verlagen demnächst blühen mag.

Es war einmal ein Verlag, der hieß (heißt?) Pantheon. Gegründet hatten ihn 1942 zwei deutsche Emigranten; ihre Namen: Helen und Kurt Wolff. Seit 1962 leitet(e) ihn André Schiffrin, in Frankreich geborener Sohn des Mitbegründers von Gallimards Flaggschiff „Bibliotheque de la Pléiade“, Gefährte von André Gides berühmter UdSSR-Reise. Mit und durch André Schiffrin – ohne Frage neben Roger Straus der „europäischste“ amerikanische Verleger – gewann Pantheon Books eine ungewöhnliche Statur: Es war der linksliberale Literaturverlag, dessen Autorenliste eine kompromißlose Besessenheit und eine genaue Kenntnis der modernen Weltliteratur vorführt: Sartre und Grass, Pasternak und Duras, Simone de Beauvoir und Noam Chomsky, Foucault und Cortázar. Unter dem Dach des mächtigen Konzerns Random House (The New Yorker) hatte da etwas sich entwickeln können, das Seltenheitswert in der profitgierigen amerikanischen Verlagslandschaft hat. Eine amerikanische Zeitschrift schreibt diese Woche in ihrem Nachruf: „Pantheon hat nie etwas Triviales oder bloß Modisches verlegt, nichts Verächtliches oder nach Geld Grapschendes; der Verlag war stets ein strahlendes Gegenbeispiel für jene Kritiker, die über die gigantischen Verlagszusammenschlüsse klagten; jetzt sieht es so aus, als hätten diese Kritiker doch recht: daß das Verlagswesen, das auf das große Geld aus ist, wichtige, aufregende Arbeit nicht duldet, die nicht umgehend Gewinne einfährt.“

Was ist geschehen? Der Elefant Random House hat die lästig gewordene Fliege André Schiffrin abgeschüttelt, ihn Knall und Fall „gefeuert“. Im offiziellen Verlags-Bulletin heißt das natürlich – wie immer in solchen Fällen –, Mr. Schiffrin sei auf eigenen Wunsch ausgeschieden. Das mag er so – wenn auch einsilbig – nicht bestätigen. Le Monde setzt prompt das Wort démission in Gänsefüßchen, und der Chefredakteur von Publishers Weekly, Fachorgan des amerikanischen Buchverlagswesens, spricht unverblümt von dem Vorwurf gegen Schiffrin, er habe zu viele left-wing books lanciert, und warnt in ungewöhnlich scharfem Ton: „Ein Verlagshaus ist mehr als ein bloßer Name, es ist ein Ethos. Und das Ethos, das Pantheon antrieb und zu einer Quelle des Stolzes für jedermann machte, der nach einem Beispiel für die beste Tradition im amerikanischen Verlagswesen suchte, hieß André Schiffrin.“

Ist das eine US-amerikanische Personalie, noch dazu mit der Pointe, daß Schiffrins Nachfolger der bisherige Cheflektor von Grove-Weidenfeld wird – jener nie recht einleuchtenden Unternehmung der Milliardärin Ann Getty, die beide Verlage nun zum Verkauf anbietet (wem wohl? Random House!)? Nein, das ist ein Skandal, der uns im Moment besonders angeht. Während diese Zeilen geschrieben werden, formiert sich eine Straßendemonstration in New Yorks 50. Straße vor dem Random House Building, und 500 amerikanische Autoren formulieren den Text einer Protestanzeige in der New York Review of Books. Montagsdemo in New York: Das alles wirkt wie eine direkte Antwort auf die drängenden Fragen, die gerade dieser Tage die DDR-Schriftsteller auf ihrem Kongreß aussprachen; der Spott unserer munteren Kollegen etwa über Stefan Heyms Wort, ein Deutschland bedeute auch: ein Buchmarkt – und zwar ein kapitalistischer –, wirkt da etwas dünn.

Lehrstücke sind ja nicht direkt, was die DDR-Theater im Augenblick füllt. Werden sie jetzt am Broadway aufgeführt? Fast möchte man annehmen, auch Volker Braun hat schon ein Telefax im Auto; sein Furcht-Satz auf dem Kongreß, „Jetzt ist die Zeit rasch, und man wird sich in der Eile ohne Anprobe ankleiden“, klingt wie eine sehr schnelle Reaktion des Dramatikers auf die sehr unverschämte New Yorker „Maßnahme“.

Fritz J. Raddatz