Von Alexander Furman

Der ostdeutsche Grenzpolizist bittet mich um meinen Reisepaß. Ich gebe ihm das dunkelblaue Büchlein mit silberner kyrillischer Schrift – CCCP. „Also, Sie kommen aus der UdSSR?“ Er betrachtet aufmerksam das Paßbild, überlegt eine Weile. „Stimmt was nicht?“ frage ich besorgt. „Oh, nein, bei Russen stimmt alles“, grinst er. Dann erscheint eine Zollbeamtin, mein Gepäck wird sorgfältig durchgemustert. Nach einer halben Stunde ist das ziellose Suchen beendet. Die DDR-Hüter nicken dem neben mir sitzenden Touristen mit dem westdeutschen Paß freundlich wie einem alten Bekannten zu und verlassen das Abteil. Früher haben diese Uniformierten Osteuropa vor dem „imperialistischen“ Einfluß geschützt; sehen sie sich jetzt als Vorkämpfer der gesamtdeutschen Demokratie?

Ich habe aber auch andere Erfahrungen in der DDR gemacht: Viele Ostdeutsche sind verzweifelt, haben Angst vor Arbeitslosigkeit, vor Erhöhung der Mieten und sozialer Deklassierung.

In der Bundesrepublik gibt es ähnliche Anzeichen einer Katerstimmung. Die Vereinigungseuphorie hat nachgelassen. In Hamburg lerne ich Susanne kennen. „Was hältst du von der Vereinigung?“ frage ich sie. „Ich weiß nicht, ob ich sie will“, lautet die Anwort. Genauso geht es vielen Bundesbürgern, mit denen ich gesprochen habe.

Ich habe das Gefühl, daß viele Deutsche in Ost und West, von den nationalistischen Hitzköpfen einmal abgesehen, angesichts der Größe der Aufgabe überfordert sind. Wie wird nach 45 Jahren die Wiedervereinigung vollzogen, und was wird danach passieren? Diese Frage quält sie.

Wird die Regierung in Bonn imstande sein, den Vereinigungsprozeß richtig voranzutreiben – die Ostdeutschen zu beruhigen, die Westdeutschen zu besänftigen und die europäischen Partner einschließlich der Sowjetunion zu gewinnen? Die Selbstgefälligkeit des Bundeskanzlers, der die Vereinigung offenbar als eine Angelegenheit der CDU betrachtet, stört und befremdet mich. Mir scheint, daß die Regierenden in der Bundesrepublik nicht das Zusammenwachsen der beiden deutschen Staaten fördern, sondern die DDR zu vereinnahmen versuchen. Sie wollen, das große Ziel vor Augen, den Anschluß der DDR beschleunigen, ohne dabei die vielen kleinen Schritte zu bedenken. Die Vorstellung, daß solch eine überhastete Politik von Erfolg gekrönt sein wird, ist insbesondere in den Bevölkerungsschichten verbreitet, die traditionell die CDU/CSU wählen.

Unlängst hat mich ein süddeutscher Landwirt zu sich nach Hause eingeladen. Es wurde gefeiert und, wie üblich, über Politik gesprochen. „Wir werden denen drüben beibringen, was arbeiten heißt“, sagte mein Bekannter. „Es war von Anfang an klar, daß die DDR nicht überlebensfähig ist“, fügte er hinzu. Ich fragte ihn: „Wem war es klar?“ „Uns in der Bundesrepublik, wem denn sonst?“ antwortet er völlig erstaunt.