Auf dem Weg zur deutschen Einheit haben wir schon viel Porzellan zerschlagen

Von Helmut Schmidt

Die deutsche Einheit wird kommen – aber welche Schatten wirft dieser Prozeß voraus! Zunächst sollen die beiden deutschen Staaten miteinander reden, danach diese beiden mit den vier Siegermächten. Doch die Formel "zwei plus vier" ist ohne Substanz, sie beschränkt sich auf die Prozeduren. Weil die Inhalte und erst recht die angestrebten Ergebnisse der beiden Verhandlungen unklar und weitgehend kontrovers sind und weil keine Mechanismen verabredet wurden, in denen die übrigen Nachbarn Deutschlands ihre Interessen zur Geltung bringen können, legten sie zwangsläufig auch gegen die Formel Protest ein.

Wenn auch nach außen zumeist gemäßigt, so doch in der Forderung eindeutig, verlangen inzwischen Dänemark, Holland, Belgien, Italien, Polen und die Tschechoslowakei, beteiligt zu werden. Die Regierungschefs oder die Staatspräsidenten unserer Nachbarländer stehen dabei seit Helmut Kohls Zehn-Punkte-Programm unter einem ständig zunehmenden Druck ihrer politischen Klasse. Darüber hinaus schlägt auch die veröffentlichte Meinung unserer Nachbarstaaten einen zunehmend kritischeren und schärferen Ton an – so auch in Amerika. Die Gefahr einer psychologischen Isolierung Deutschlands zeichnet sich ab.

Ein Teil der Beunruhigung rings um uns herum war seit Ende August 1989 vorherzusehen, seit nämlich unsere Nachbarn erkannten, aus der jahrelang von ihnen mitgetragenen Forderung nach Selbstbestimmung für unsere Nation werde möglicherweise schon bald – und entgegen der jahrelangen Erwartung – Wirklichkeit werden. Doch die übrigen Besorgnisse und Ängste sind erst durch eine Reihe deutscher Ungeschicklichkeiten entstanden.

Daran waren in erster Linie der Bundeskanzler und sein außenpolitischer Berater, in zweiter Linie der Außenminister, in dritter Linie weitere Politiker der drei tragenden Parteien des Bundestages beteiligt, außerdem die sich öffentlich hörbar in die Außenpolitik einmischenden Präsidenten des Bundesverfassungsgerichtes und der Bundesbank – und schließlich viele Journalisten, Professoren und andere Personen, die öffentliche Meinung machen.

Diese Fehler müssen dingfest gemacht werden. Nicht um anzuklagen – noch nicht! –, sondern um weiterem Fehlverhalten unserer politischen Repräsentanten vorzubeugen. Es ist schon viel Porzellan zerschlagen worden. Das Verhältnis zwischen Paris und Bonn ist seit vielen Jahren nicht so kühl gewesen; der Argwohn der nichtkommunistischen Kräfte in Warschau war seit Jahren nicht so groß.