Von Ernst-Michael Brandt

Die lila Strähnen waren raus aus den Haaren von Margot Honecker, als sie vor dem Untersuchungsausschuß der DDR-Regierung saß. Plötzlich spiegelte das Gesicht der ehemaligen First Lady der SED die Anstrengungen eines 62jährigen Lebens wider. Hätte sie nicht verstockt darauf bestanden, daß sie stets alles für das Wohl der Kinder getan habe und daß alles Mißlungene am Schulsystem nur der schlechten Arbeit unterer Chargen zuzuschreiben sei, man hätte Mitgefühl haben können mit dieser Frau, die fünfzehn Tage nach ihrem Mann, am 2. November 1989, aus dem Amt gejagt wurde, damit sich auch die Schule erneuern könne.

Edith, aus einer 6. Klasse der 114. Oberschule im Berliner Stadtbezirk Prenzlauer Berg: „So richtig merke ich nichts von der Wende. Ich finde, die Lehrer sind immer noch so eingestellt wie früher, so richtig anders reden sie nicht. Immer noch wollen sie uns unterjubeln, daß Kapitalismus schlimm ist. Wenn jemand erzählt, daß er gestern in West-Berlin war oder so, dann gucken sie immer – irgendwie hochnäsig.“

Schon als ich vor elf Jahren für eine Geschichte an der Akademie der Pädagogischen Wissenschaften recherchierte, sagte mir in einem Anfall von Vertrautheit ein Professor: „Wir warten darauf, daß Honecker endlich abtritt oder stirbt; dann kann sich auch Margot nicht länger halten, und wir können die neuen Lehrpläne aus den Panzerschränken holen.“

Doch noch kurz vor dem pädagogischen Kongreß im vergangenen Sommer schmetterte Margot Honecker, zum letzten Mal, einen Reformierungsvorschlag als bürgerlichen Angriff auf das einheitliche sozialistische Bildungssystem ab, der eine Reduzierung der Überfülle an naturwissenschaftlichem und ideologischem Stoff vorsah und ein Kurssystem anbot, das die individuellen Begabungen der Schüler fördern sollte. Statt dessen degradierte die Ministerin für Volksbildung den Kongreß zur Jubelveranstaltung und ließ für die Delegierten die teuersten Hotels, Gaststätten und Tagungszentren der Hauptstadt requirieren, Kellner und Staatssicherheit belegte sie mit Urlaubssperre.

Kein Wunder, daß die Zeichen auf Sturm standen, daß schon bei den ersten Demonstrationen in Leipzig und Berlin Forderungen nach einer neuen Schule laut wurden. Sie waren genauso dringlich wie die nach Reise-, Wahl- und Meinungsfreiheit. Eltern, Schüler und – meist junge – Lehrer forderten vehement neue Bildungsziele, die Fünftagewoche, Veränderungen in der Sprachausbildung, die Trennung von Partei und Schule. Doch während alles jubelt, während es Regierung, Stasi und Funktionären an den Kragen geht, igelt sich die Schule ein, läßt es bei Pseudoreformen wie der Fünftagewoche und sanftem Abbau des Staatsbürgerkundeunterrichts bewenden. Zur Sicherheit befrage ich Francesco und Manuela aus derselben Schule nach ihren Eindrücken, beide gehen in eine 7. Klasse.

Francesco: „Vor ein paar Tagen sind zwei Lehrerinnen in unsere Klasse gekommen, haben immer vier Mann aufgefordert, mit ihren Schulmappen in den Nebenraum zu gehen, und haben sie kontrolliert. Zeitschriften und Spielzeug haben sie uns weggenommen, aber nur, wenn sie aus dem Westen waren – also Bravo, Girl, Popcorn und so.“ Manuela: „Angeblich gehört so was nicht in die Schule. Aber wenn jemand was aus dem Osten mithatte, konnte er es behalten.“