HAMBURG. – Hin und wieder klingelt das Telephon, und neue Bekannte fragen eifrig, höflich: „Wie geht’s? Haben Sie sich eingelebt?“ Leicht irritiert antworte ich dann: „Danke, ganz gut.“

Wir sind alle gesund, der Bedarf an Südfrüchten hat sich nach sechs Monaten auf ein normales Maß reduziert. Im Supermarkt bekomme ich keine Beklemmungen mehr und schimpfe bereits, wenn meine Diät-Margarine gerade vergriffen ist. Meine bei der Einreise noch flüchtigen Fahrkünste sind ausgereift.

Freunde aus der DDR stellen eine schwierigere Frage. Sie wollen wissen, ob wir uns in der neuen Heimat eingegliedert fühlen. Auch die Antwort darauf ist schwieriger.

Luischen besucht ein Gymnasium. Ihr erstes Zeugnis sieht zwar nicht wie ein Ruhmesblatt aus, doch es gibt in ihrer Klasse einige, die noch schlechter weggekommen sind. Engere Freunde fand sie noch nicht, aber ihr Heimweh rückt in den Hintergrund. Zur Zeit interessiert sie sich für die Hunderassen, die sie sich als künftige Millionärin leisten wird, und gibt ihren Freunden in Leipzig schriftlich Ratschläge, wie sich Lehrer besonders wirkungsvoll traktieren lassen. Alex beginnt im Sommersemester mit dem gewünschten Medizinstudium. Wir können sie finanziell nicht unterstützen. Im Gegenteil – sie hilft der Familie mit Kostgeld und Mietzuschuß.

Unsere Wohnung suchten wir selbst. Das Wohnungsamt hat keine Wohnungen zu vergeben. Nach zwanzig Jahren, in denen wir mit 160 Quadratmeter Wohnfläche und Stuck verwöhnt waren, leben wir jetzt sehr bescheiden. Dafür ist die Luft klar, Vögel zwitschern im Garten.

Wir müssen für diesen Start dankbar sein, andere haben es schwerer. Uns fiel es leicht, einen netten Bekanntenkreis aufzubauen, vielleicht erwachsen daraus sogar Freunde. Mein Studienabschluß ist noch immer nicht anerkannt worden, und mein Mann hat mit 49 Lebensjahren große Schwierigkeiten, eine Beschäftigung zu finden. Es gibt strenge Altersgrenzen. Unser Arbeitslosengeld reicht für die relativ teure Wohnung, es reicht auch zum Leben, aber nicht, um eine anstehende Zahnarztrechnung in bar zu bezahlen. Der Bezug des Arbeitslosengeldes bedrückt uns maßlos. Seit langem heimisch gewordene „Übersiedler“ lachen darüber. Sie meinen, wer so lange gearbeitet und gelitten hat, der sollte die Pause und das Leben in aller Ruhe genießen. Wenn man sicher in Amt und Brot ist, läßt sich das wohl leichter sagen.

Täglich ziehen über 2000 Menschen von Deutschland-Ost nach Deutschland-West. Leichtfertig, wer sie alle als Wirtschaftsflüchtlinge abtut. Noch leichtfertiger, wer von diesen Übersiedlern seinen Schritt nicht gründlich durchdacht hat.