Natürlich kein Film – auch wenn Pina Bauschs erster „Film“ vom 8. März an „bundesweit“ in den Kinos „startet“. Schon die Renommiersprache der Produzenten und Verleiher ist einem Werk fremd, das auf dem eigenen Blick beharrt, das sich modischen Sehgewohnheiten verweigert, das keine Story erzählt, sondern den Titel ernst nimmt: Klage.

Die 103 Minuten des Films, den die Gründerin und Leiterin des seit fast zwanzig Jahren bestehenden „Tanztheaters Wuppertal“ mit ihrem Ensemble und einigen Gästen gedreht hat, sind ein großes, nie weinerliches, oft sanft komisches Lamento über die Welt, das Leben – also über dich und mich. „Mich wundert nur, daß einer liebt und sich am Leben hält“, so lautet einer der wenigen (Märchen-) Sätze, die in diesem von trauriger Musik und schönen, schön verqueren Bildern überquellenden Film gesprochen werden. Ein anderer Vers geht auf diese Weise: „Singt mich tot und herzt mich tot, / Küßt mir aus der Brust das Leben!“

Da wird es schöne Verwirrung, heilsame Mißverständnisse geben, wenn die aller Heimkino-Gemächlichkeit spottenden Bilder dieses Films, gedreht mit der Unterstützung von ZDF (Mainz), Channel Four (London) und La Sept (Paris), in der nächsten Zeit auch auf den Bildschirmen europäischer Wohnzimmer flimmern werden. Der Schock, den Pina Bauschs inzwischen auf den Theatern der Welt umjubeltes Tanztheater vor zehn, fünfzehn Jahren noch in Deutschland auslöste, könnte noch einmal wirken, wenn die sanften oder heftigen, immer aber befremdlich unverhofften Bilder dieser Visionärin aus dem Bergischen Land über neue Zuschauer kommen, die an die Klischeewelt des Fernsehens gewohnt sind.

Nichts leichter, als diesen 35-Millimeter-Film in Farbe als unfilmischen „Film“ abzutun. Wird da nicht allzusehr mit starrer Kamera (Tanz-)Szene für Szene abphotographiert? Herrscht nicht auch in den Naturszenen die Optik des Zuschauers im Theater, der ruhig, ja geduldig auf einen szenischen Vorgang blickt? Montage, Schnittechnik, Blickwechsel, rhythmische Brüche: Dies alles wollen Pina Bausch (Choreographie, Buch, Regie) und die Männer hinter der Kamera (Martin Schäfer, Detlef Erler) offenbar nicht, und die Produktionsfirma (L’Arche Editeur) hat darauf offenbar nicht bestanden. Ehe man „filmische Verluste“ einklagt, sollte man fragen, ob dieser manchmal gegen die Gesetze des Kinos gedrehte Film nicht mit der sanften Beharrlichkeit dieser Theaterfrau sein eigenes Recht fordert und für den vom Fast food des Fernsehens noch nicht ganz abgestumpften Betrachter nicht auch sein eigenes Recht behauptet.

Wer auch nur eine der 26 Arbeiten gesehen hat, die Pina Bausch in sechzehn Jahren für ihr Wuppertaler Tanztheater geschaffen hat, findet sich in den wilden oder stillen Bildern ihres ersten Films bald zurecht. Immer ist es der Stolpereffekt fürs Auge, mit dem uns die Choreographin aus dem Alltagstrott unseres aus Bequemlichkeit oder Selbstschutz verengten Lebens als Augen-Menschen reißt. Anderes, neues, ungewohntes, befremdendes, unerklärliches Sehen zwingt zum Nachdenken – und schon beginnen die verwunderlichen Bilder im Kopf des Zuschauers zu gären, gewinnen frische Energie und neues Leben – in jedem ein anderes. Darin besteht die einzigartige künstlerische – und politische – Wirkung des auf Worte (fast) ganz verzichtenden Tanztheaters, einer nur in Körpern, Gesten, Bewegungen erzählten Geschichte oder eines in Körperzeichen, Schrittfolgen, mimischen Chiffren entworfenen Spiegelbildes menschlichen Lebens.

Laub wirbelt im Park. Kein Sturm treibt welke Blätter zusammen, sondern die von einer Frau geschobene Windmaschine. Ein Revuegirl mit „Bunny“-Maske und Stöckelschuhen quält sich über einen frisch gepflügten Acker. Eine Frau in blauem Badeanzug liest durch den Wald und ruft: „Mama!“ Alte Männer tragen schreiende Kleinkinder durch einen düsteren Wald, dessen Bäume mit weißer Farbe numeriert sind. Im Abendkleid mit tiefem Rückenausschnitt stöckelt eine junge Frau durchs Bäume-Labyrinth; immer wieder zieht sie den linken Arm aus dem Ärmel, legt ihn an den Körper, so daß wir, die baumelnde Ärmelhülse betrachtend, plötzlich ein amputiertes, verkrüppeltes Wesen zu sehen wähnen. Eine Frau im Badekostüm trägt ein ungebärdiges Schaf, eine andere zieht einen sich wehrenden Ziegenbock an den Hörnern über den Hof. In menschenleer weiter Landschaft müht sich ein Mann mit einem Kleiderschrank. In einem bequemen Sessel, mitten im tobenden Verkehr einer Großstadt, ruht eine Frau sich aus. Am Rinnstein kaum ein Mann, blickt in eine Pfütze als in seinen Rasierspiegel. Ein ganz mit Lehm verschmierter nackter Mann tanzt einsam in einem von Blüten überwucherten Gewächshaus. Im Halbdunkel hasten nackte Menschen durch die Reihen eines Theaters: kindliches „Fangen“-Spielen? Verfolgungsjagd? So sind einige der mal banalen, mal stilisierten, immer irritierenden Bildsequenzen dieses Films.

Die Bilder haben, bei aller Komik, etwas Quälerisches, Ein Mann zieht ein quäkendes Kind an einem über einen Ast geworfenen Seil in die Höhe. Halb zugeschneit liegen Menschen im Wald. Andere jagen, barfuß in Gummistiefeln, in leichten Galakleidern von großer Schönheit (Kostüme: Marion Cito) durch den Schnee, zwängen sich unter dem Stacheldraht von Viehkoppeln durch, hetzen schreiend an den Baugruben einer Großstadt vorbei.