Wolgograd, im Marz

Vier Kandidaten suchen ihre Wahler. Das große Kulturhaus des Wolgograder Aluminiumwerks steht leer Blumen und Mikrophone sind aufgebaut Doch das Auditorium fehlt. Niemand scheint sich für das zu interessieren, was die vier Bewerber für einen Sitz im Obersten Sowjet der Russischen Sozialistischen Föderation zu sagen haben

Die Zentrale der Gebietspartei kann mit der Generalstabsarbeit zufrieden sein. Wieder hat die politische Administration eine Schlacht um das kritische Bewußtsein in der Heldenstadt, die bis 1961 Stalingrad hieß, verhindert Der Vorstoß der demokratischen Front ist einmal mehr ins Leere gegangen Denn drei der vier nun unverrichteter Dinge abziehenden Kandidaten haben beim Wolgograder Aufstand Ende Januar den Sturz der Parteiführung unterstutzt. Seither versucht der örtliche KP-Apparat mit allen möglichen Tricks, das Volk von Wahlversammlungen mit reformorientierten Bewerbern fernzuhalten

Die vier Kandidaten suchen ein Auto Irgendwo in einem Schulgebäude soll doch noch eine kleine Wahlerschar warten Der Kandidat aus Moskau, Alexander Dawidow, ein hohes Tier von der Gewerkschaft, bietet im schwarzen Wolga seiner lokalen Vertretung Platz an Die Schule liegt abseits und verloren inmitten regennasser Eisflächen, nur wenige Wahler tropfein herein Ihre erste Frage an den Bewerber aus dem Moskauer Apparat „Warum sind Sie mit einer Dienstlimousine gekommen?“

Die vier Wahlkampfer, die in acht Stadt- und zehn Landbezirken anzutreten hatten – vier weitere Bewerber sind an diesem Tag nicht mit von der Partie –, warten im Raum der jungen Pioniere. Über zwei Lenin-Busten, weiß die eine, golden die andere, und abgestellten Fanfaren posaunt ein Wandspruch „Sei bereit zum Kampf für die Sache der Kommunistischen Partei

Ein Dutzend Zuhörer sei jetzt zur Stelle, meldet eine Helferin der Wahlkommission In der winzigen Turnhalle vom Ausmaß eines Doppelzimmers sitzen dann aber doch zwanzig Anwohner der näheren Umgebung Was haben sie auf dem Herzen, diese Burger der vor 47 Jahren legendär gewordenen Stadt, auf deren zerfurchter und blutgetränkter Erde der Zweite Weltkrieg eine vorentscheidende Wende erfuhr’

„Unsere Jungen fürchten den Dienst in der Armee“, meldet sich eine Frau, „mein Sohn ist fünfzehn, und ich habe jetzt schon Angst “ Der Kandidat Igor Lukaschew springt auf, ein zierlicher Mittdreißiger Er tragt die Uniform eines Oberstleutnants mit den blauen Kragenspiegeln der Luftwaffe. Seine Antwort kommt mit sanftem, ukrainisch eingefarbtem Timbre, aber doch voll sprühender, unbeirrbarer Entschiedenheit – und schlagartig wird klar, warum der Parteiapparat diesen Mann so furchtet, daß er die Wolgograder in den vergangenen Wochen von der Wahlkampffront ins Hinterland zu bunten Winterfesten und anderen Ablenkungen zu evakuieren suchte