Dieses Buch ist ein erregendes Zeitdokument. Die Qual des Sicherinnerns hat seine literarische Struktur geprägt. Abgrundtiefe Enttäuschung, Schmerz und Blut sind mit diesen Erinnerungen verbunden, sie entziehen sich einer literarischen Wertung. Und doch kann man, was hier berichtet wird, nicht einfach hinnehmen. Zorn, Ratlosigkeit und so viele Fragen bleiben. Für den Leser in der DDR erscheint dieses Buch in einem Moment, da ein bestimmtes Gesellschaftsmodell weltweit zusammenbricht und mit ihm Hoffnungen, Ideale, Illusionen. Von manchen wird dieser Moment als Aufbruch empfunden, von anderen als Trauma. In jedem Fall ist zu fragen: Was war es, das die Idee des Sozialismus so pervertieren ließ, was hat es möglich gemacht, daß Menschen sich jahrzehntelang einer Diktatur beugten, die allmählich die Ideale auffraß, in deren Namen sie angetreten war?

Schon 1973, erzählte mir unlängst Renate Drenkow, damals Mitarbeiterin des Schriftstellerverbandes, sollten die vollständigen Memoiren der Trude Richter erscheinen. Inge Lange, im Politbüro verantwortlich für Frauenpolitik, fiel die Rolle zu, das zu verhindern und diejenigen abzukanzeln, die sich für eine Veröffentlichung einsetzten. Dieselbe Inge Lange gestand Ende 1989 vor einem Untersuchungsausschuß kläglich ihre Inkompetenz ein, beklagte ihre jämmerliche Position, die ihr keinen Spielraum für eigene Entscheidungen gelassen habe. Auch sie nur ein erbarmungswürdiges Opfer.

Trude Richter berichtet nicht aus der Perspektive des Opfers. Gerade ihre Gelassenheit gegenüber dem eigenen Schicksal bei allem Schmerz, gerade diese Haltung, die sie mit vielen ihrer Genossen, die Ähnliches erlebten, teilt, wird für die meisten Leser schwer nachvollziehbar sein. Ihren Erinnerungen nachgestellt ist ein Porträt von Elisabeth Schulz Semrau. Darin heißt es, daß Trude Richter an ihrem achtzigsten Geburtstag (sie starb 1989 fast neunzigjährig) gesagt hat: "Glück ist Bestätigung. Ja, unser Weg war richtig Elisabeth Schulz Semrau erklärt, diesem Lebensgefühl schwer folgen zu können. Mir geht es ebenso.

Kann ein Weg richtig gewesen sein zu dem die Demütigung, schließlich der Mord an Menschen, die man verdächtigte, anders zu denken, gehörte, kann ein Weg richtig sein, der zu seiner Bestätigung immer wieder Feindbilder braucht? Elisabeth Schulz Semrau zitiert Trude Richter: "Ich weiß schon, du siehst das anders. Aber ich ordne das alles historisch ein "

Wie sah der Weg der Trude Richter, ehemals Erna Barnick, aus? Im ersten Teil, der als Einzelausgabe schon früher erscheinen durfte, erzählt sie von ihrem Leben bis zur Verhaftung 1937 n Moskau. Sie erzählt von Kindheit, Jugend, von ihrer Arbeit im Bund der Proletarisch Revolutionären Schriftsteller, von Illegalität und Emigration nicht gradlinig, sondern in verschachtelten Rückblenden. Es ist, als ob ihr das Erinnern am so leichter fiele, je weiter es von der Gegenwart wegführt. Dabei schrieb sie dies in den sechziger Jahren "auf der Seite der Sieger der Geschichte". Was für eine fragwürdige Formulierung! Als könne Geschichte irgendwann abgeschlossen werden, als gäbe es Gewinner und Verlierer.

Das Denken der überaus gebildeten Trude Richter ist gezeichnet von den Verkrustungen und Tabus ihrer Zeit, ihrer Partei, geprägt von Verdrängungen und Reglementierungen. Dabei ist sie, das bezeugen ihre Erinnerungen, ein ursprünglich sinnenfroher Mensch, humorvoll, empfindsam gegemiber Kunst und Natur. Im ersten Buch der Erinnerungen gibt es Passagen, die für sich stehen können, etwa als kulturhistorisch interessanter Aufsatz über den Bund Proletarisch Revolutionärer Schriftsteller. Zwar sind auch hier manche Wertungen von verinnerlichten Tabus, Von selbstauferlegten Disziplinierungen geprägt, aber man spürt ihre Leidenschaft, ihre ehrliche Hingabe an "die Sache", der sie sich verschrieben hat.

Wenn sie über Becher sagt: "Ein Genösse, abhold jeglicher Pose, der es verstand, auch das Unangenehme mit Fröhlichkeit zu tun", so trifft das den Leser in einem Moment, wo der Mythos vom edlen, großen Nationaldichter zu zerbröckeln beginnt, wo die zerrissene, widerspruchsvolle Persönlichkeit, die er nach jüngst veröffentlichten Dokumenten war, eine andere Einschätzung Bechers möglich zu machen beginnt. Allzu undifferenziert klingt auch, wenn sie über Lukäcs, erschrocken über ihre eigene Bewunderung, schreibt: "Heute sind die Mängel seiner Ästhetik von Hans Koch und anderen nachgewiesen Die Authentizität ihrer Erinnerungen aber macht auch diesen Teil von Trude Richters Buch zu einer spannenden Lektüre. Beeindruckend ist der Charakter dieser Frau, die sich elbst treu bleibt, stark und unbeugsam. Auch das Bild ihres Lebensgefährten Hans Günther (1899 1938) ist erschütternd und plastisch.