Der zweite Teil der Erinnerungen beschreibt ihr "Leben nach dem Tode". Nach einem Jahr Untersuchungshaft wird sie ohne Prozeß zu fünf Jahren Arbeitslager verurteilt. Die sensible, hochbegabte Frau gerät in eine Weit, in der wölfische Gesetze herrschen. Wie sie unter diesen Bedingungen ein Mensch bleibt, wie sie in sich Unzerstörbares findet, wie sie inmitten des Elends Würde und Güte bewahrt, wie Würde und Güte anderer Menschen sie am Leben erhalten, das ist ein Bericht aus der Hölle.

Aber ich kann nicht akzeptieren, was die sterbende Asja, eine Lagergefährtin Trude Richters, auf einen Zettel schreibt: "Wie schade, ich hätte noch Nutzen bringen können Mich entsetzt eine Welt, die den Menschen dazu bringt, seinen Lebenssinn auf den Nutzen zu reduzieren.

Trude Richter hat mehr aashalten müssen, als ich mir vorzustellen vermag, 1946 wird sie entlassen, 1950 erneut verhaftet, danach verbannt. Als sie sich aufhängen will, reißt der Strick. 1956, sie "darf" m Magadan am Oehotskischen Meer leben, bekommt sie einen Sonntag in die Hände, und die Sehnsucht nach dem früheren, dem zukünftigen Leben bricht in ihr auf. Anna Seghers hat ihr zur Rückkehr verhelfen, seit 1957 arbeitete sie in Leipzig am Literaturinstitut. Daß sie die Kraft hatte, trotz des verordneten Schweigens diese Memoiren zu schreiben, ist gut für uns. Wir müssen uns der Wahrheit der Geschichte stellen, wenn wir begreifen wollen, was mit uns geschehen ist. Wir müssen schonungsloser fragen, als Trude Richter es vermochte. Sie hat uns mit ihrem Buch einen Bericht über das Unzerstörbare im Menschen gegeben, das der größte Reichtum und die einzige Hoffnung der Welt ist.

Trude Richter:

Totgesagt Erinnerungen, herausgegeben unter Mitwirkung von Irmfried Hiebel, Manfred Jendryschik, Alfred Klein; Mitteldeutscher Verlag HalleLeipzig 1990; 450 S, 14 - Mark (Ost)