Wer keine Lust hat, auf die Probleme der eigenen Vergangenheit gestoßen zu werden, sollte das Buch nicht lesen. Ohnehin dürfte die kathartische Wirkung von Büchern minimal sein, spätestens die Aufklärung hat die Vergeblichkeit solcher Versuche demonstriert. Dennoch setzt die Berliner Wissenschaftlerin und Schriftstellerin Helga Königsdorf gerade auf diesen Effekt.

Vor Jahren, in ihren ersten Geschichten, warf sie noch in radikaler Pointierung Männer vom Balkon, diesmal beschreibt sie mit sensiblem Verständnis eine Männerliebe. Doch das ist nicht das eigentliche Thema. Wieder einmal hat die Autorin – sie verleugnet ihre Herkunft nicht – ihre Geschichten im Wissenschaftsmilieu angesiedelt. Schon zuvor litten ihre Helden unter einem unkreativen Forschungs- und Lehrbetrieb, der auf Disziplinierung und ideologische Anpassung aus war, andere sahen sich gezwungen, die moralische Konsequenz ihrer Arbeit zu durchdenken, die Auswirkungen ihrer Forschungen auf gesellschaftliche Entwicklungen, auf menschliche Existenz. Auch diesmal wieder quält sich ein Hochschullehrer mit dem Muff und der Mittelmäßigkeit alltäglicher Arbeitsabläufe; er verliebt sich in einen hochbegabten Studenten und versucht, diesem günstige Arbeitsumstände zu ermöglichen. Er scheitert mit seinen Bemühungen letztlich, weil sich der Student Felix allen Anpassungsforderungen konsequent entzieht.

Soweit die Rahmenhandlung, die Jhanz, den Wissenschaftler, zum Nachdenken bringt über die eigene Schuld an erstarrten Verhältnissen. Wesentlich forciert wird seine Gedankenarbeit, als er anfängt, sich mit der Vergangenheit seines Vaters zu beschäftigen. Der leitete nach dem Krieg aufopferungsvoll ein Waisenheim und soll nun nach seinem Tode geehrt werden, doch in alten Briefen stößt Jhanz auf einen ungelegenen Befund auf den Verdacht, sein Vater könnte an Kriegsverbrechen beteiligt gewesen sein.

Seit ihrem dritten Buch „Respektloser Umgang“ – in dem sie über die Atomphysikerin Lise Meitner und eine heutige Wissenschaftlerin nachdenkt – setzt Helga Königsdorf nicht mehr auf die Story, sondern behandelt ihre Themen auf eher essayistische Weise. Der Leser erfährt nicht, ob der Vater Verbrecher, Mitläufer, Opfer oder unschuldig ist. Er muß die Verunsicherung der Figuren mittragen. Kaum hat er sich in einer Wahrheit eingerichtet, wird er mit einer anderen konfrontiert, wird zu sehr weitreichenden Assoziationen über Schuld, Sühne und Verantwortung veranlaßt. In der klassischen Verpackung des Briefromans, besser: der Brieferzählung, trifft er auf fast modellhafte Gestalten in einem Umfeld aus Leiden und Mißhelligkeiten. Doch die Korrespondenz zwischen drei Haupt- und mehreren Nebenfiguren, die noch durch Aufzeichnungen des Vaters ergänzt wird, verbreitet keine Langeweile, sondern zieht den Leser von Seite zu Seite mehr in ihren Bann. Starke atmosphärische Wirkung geht von dem Text aus, manchmal eine geradezu bedrückende Lautlosigkeit. Seine leidenschaftlichen Briefe an den Studenten Felix – nicht zum Absenden gedacht – schreibt Jhanz in der Nacht, manchmal direkt in Träumen, wenn der Geist Sehnsüchte nicht mehr abweisen kann.

Wahrheit stellt sich hier aus historischem Abstand oft anders dar, scheint einer Neubewertung zu bedürfen. Was für einen einzelnen unter bestimmten Bedingungen noch als Mut und Zivilcourage gelten konnte (während der Zeit des Nationalsozialismus vielleicht nicht in der NSDAP gewesen zu sein oder unter DDR-Verhältnissen gegen eine Universitätsleitung für einen unangepaßten, aber hochbegabten Studenten einzutreten), wird man wenig später systemstabilisierend nennen. Die moralische Bewertung der Handlungen eines Menschen, heißt es in diesem Buch, hänge „offenbar von deren Zeitpunkt ab“.

Ohne schonungsloses Analysieren, so die These der Königsdorf, ohne ein Verarbeiten vergangener Geschehnisse, wird man für künftige Entscheidungen nicht gewappnet sein. Eine Wahrheit muß heißen: Unsere Väter brandschatzten, raubten und mordeten, nur sehr wenige widerstanden. Doch auch diese hätten die Hilfe ihrer Söhne nötig gehabt beim Benennen der Wahrheit. „Indem wir uns der Verantwortung entzogen, wir, die mittlere Generation“, so Jhanz, „ließen wir die Väter im Stich und dann die Söhne. Wie sollen diese unsere Söhne nun die Verantwortung tragen für das, was kommen wird.“ Jhanz muß sich eingestehen, daß er keinen Grund hat, sich über seinen Vater zu erheben, der auch nie auf die Idee gekommen wäre, allgemein Anerkanntes zu hinterfragen.

Schuld und Sühne sind also die großen Themen dieses Buches, und Helga Königsdorf beharrt auf der Verantwortung jeder Generation für das, was geschieht. Die jungen Leute in dieser Geschichte sind geschichtslos, lehnen den Blick zurück ab. Vollgestopft mit hohlen Phrasen, bindungsunfähig, leben sie in ihrem eigenen Kosmos. Einer sagt zu Jhanz: „Es muß doch einen Grund dafür geben, daß die Leute damals begeistert waren. Mir fiele nichts ein, wofür ich mich heute begeistern könnte. Manchmal denke ich, irgend etwas müßte passieren. Etwas richtig Unorganisiertes. Ein Erdbeben zum Beispiel.“