Von Helmut Schödel

Herbert Achternbusch zeigte uns "Plattling", einen Ort in Niederbayern, an der Eisenbahnlinie nach Passau. Wir waren mit Franz Xaver Kroetz in "Oberösterreich" und haben in Felix Mitterers Stücken Tirol fürchten gelernt. Das Volkstheater brachte uns in die entlegensten Winkel. Aber bis nach Franken kam es selten. Franken war noch mehr als Provinz: Grenzland. Die Mundart ohne folkloristischen Appeal, das Klima rauh – so lag es im Dunkel der letzten Wälder vor dem Eisernen Vorhang.

"Schweig, Bub!", das bekannteste Stück des Nürnberger Schriftstellers Fitzgerald Kusz, uraufgeführt 1976, ist noch immer der einzige Franken-Klassiker des neuen Volkstheaters. Bei einer fränkischen Konfirmationsfeier stopft eine kleinbürgerliche Großfamilie ihrem Jüngsten das Maul: mit Kartoffelklößen, Cremetorten, Sauerkraut, Bratwürsten und Bier.

Auch der Titelheld in "Korbes", Tankred Dorsts Vision von einem fränkischen Mysterienspiel, war ein stumpfer Kerl, ein böser Franke. Als seine zweite Frau gestorben war, sagte Korbes: "Mei Fraa is under der Erdn und kommt nimmer rauf, do konn se lang scharren."

Aber, und das ist kein kleiner Trost angesichts so krasser Verhältnisse, auch Wutz war ein Franke. Jean Pauls Schulmeisterlein freute sich vor dem Aufstehen auf das Frühstück, beim Frühstück auf das Mittagessen, beim Mittagessen auf die Vesperzeit, und ging ein besonders schwerer Tag zu Ende, rollte er sich unter der Bettdecke zusammen und sagte zu sich: "Siehst Du, Wutz, es ist doch vorbei." Schon für Wutz war Franken Grenzland. Hier verlief die offene Grenze zwischen Stumpfsinn und Glückseligkeit.

Zwischen Auenthal, wo die Wutze über Generationen Schulmeister waren, und Kronach, wo Kerstin Specht aufwuchs, liegt ein tiefer dunkler Wald: der Frankenwald. Dort spielt Kerstin Spechts Debütstück "A glühend Männla". In einem Vorwort zu den 33 Kurzszenen schreibt sie: "Der Frankenwald liegt an der Grenze. Die Grenze geht durch den Wald ... Der Zug fährt noch hindurch, aber für die Menschen ist es eine Endstation. Viele gehen in die Stadt. Zurück bleiben die Grenzlandförderung und das Zonenrandgebiet." Ja, so war das bis vor kurzem. Jetzt liegt Franken wieder mitten in Deutschland. Die Trabis knattern stinkend am Auental vorbei in Richtung Hof und Supermarkt. Und keiner denkt an Wutz, der tief unten auf seinen Hobelspänen liegt. Keiner fürchtet sich vor Korbes, und keiner denkt an den mundtoten Bub mit dem Kartoffelkloß im Hals. Eve-(hing) of destruction – eine Provinz steigt auf. Auf einmal wachsen in Franken Bananen. Das ist mehr als eine Klimakatastrophe.

"A glühend Männla" – der Titel von Kerstin Spechts Stück spekuliert mit dem neuen Mystizismus des Volkstheaters. Gespenster und Sagenfiguren geistern durch diese Stücke, die den Leichengeruch der toten Opfer verbreiten. Schließlich, unser neuer Kroetz, unser Über-Sperr heißt Felix Mitterer, dessen beste Stücke ("Kein Platz für Idioten", "Stigma" und "Die Kinder des Teufels") unser Jahrhundert des Mittelalters überführen und die Städte in die Wälder entrücken. Mitterer beschreibt die Grenze zwischen Nach- und Voraufklärung, Stumpfsinn und Glückseligkeit.