Von Rolf Zundel

Nun haben wieder die kühlen Analytiker, die nüchternen Datenverarbeiter das Wort. Sie müssen das Treffen von Erfurt auf seinen Stellenwert in der Innen- und Außenpolitik untersuchen, Erfolg und Mißerfolg abwägen. Zu Recht, denn eine Binsenwahrheit lautet: Politik ist ein nüchternes Geschäft. Nie aber war es schwieriger, nüchtern und kühl zu bleiben, als vorige Woche in Erfurt.

Jenes maskenhaft starre Gesicht Willy Brandts, das ihn fast während der ganzen Reise charakterisierte, war gewiß nicht Ausdruck innerer Distanz. Es verbarg ein äußerstes Maß an politischem Engagement, an menschlicher Betroffenheit. Am Vorabend des Treffens, im Sonderzug, hatte Brandt im Kreise der Journalisten gesagt, von einem Bundeskanzler müsse man erwarten, daß er Gefühle habe, aber auch, daß er sie zu beherrschen wisse. Dieser Zwang zur Beherrschung war es, der ihn manchmal unnahbar erscheinen ließ. Noch bei der Rückkehr in Bonn, beim Empfang durch Partei- und Koalitionsfreunde, scheint er in Gedanken weit weg, zeigt er eine Art unpersönlicher Freundlichkeit. Erst im Bundestag, in der gewohnten Umgebung, im Austausch der alten Argumente, die sich, so scheint es, nicht verändert haben, angesichts vertrauter Gegner und bewährter Freunde, scheint Brandt wieder zum politischen Alltag zurückzufinden.

Die [sozial-liberale] Koalition bereitet dem Kanzler, als er ans Rednerpult tritt, eine Ovation: Solchen Beifall hat der Bundestag lange nicht erlebt. Brandt berichtet mit rauher Stimme, die Sprache ist eher karg, aber präzise. Nichts vom Volkstribun ist zu spüren, keine Effekthascherei schleicht sich ein. Es ist die Rede eines Staatsmannes. Und wenn es Abgeordnete in der Koalition gab, die unsicher gewesen waren, ob die Reise nach Erfurt nicht doch zu riskant sei – jetzt ist alles vergessen. Sie feiern Willy Brandt – gerade weil er nach Erfurt fuhr – als deutschen Patrioten.

Diese Stimmung ist keineswegs auf Bundestagsabgeordnete beschränkt. Brandt hat eine elementare Grundstimmung geweckt, über deren Kraft sich vorher niemand eine rechte Vorstellung gemacht hatte. Die Opposition steht diesem Phänomen vorläufig recht hilflos gegenüber. Die sorgfältig abgestimmte und ausgehandelte Erklärung, die [Rainer] Barzel im Namen seiner [CDU/CSU-] Fraktion vor dem Bundestag abgibt, klingt erstaunlich antiquiert, fast so, als ob das Treffen in Erfurt nicht stattgefunden, als ob sich nichts ereignet hätte.

Die Begegnung des Bundeskanzlers mit dem Vorsitzenden des DDR-Ministerrats, Willi Stoph, ist ursprünglich gewiß nicht als die zentrale Aktion der deutschen Ostpolitik angelegt gewesen; sie hatte wohl eher die Funktion, die Gespräche in Moskau und in anderen osteuropäischen Staaten abzusichern und zu stützen, nicht zuletzt deshalb, weil in Deutschland der Gegensatz der Systeme am schroffsten und jegliche Entspannungsbemühung am schwierigsten ist. Die Reisen [Egon] Bahrs [damals Staatssekretär im Bundeskanzleramt] nach Moskau, die Sondierungen von [Georg Ferdinand] Duckwitz [damals Staatssekretär im Auswärtigen Amt] in Warschau aber blieben im Verständnis der Bundesbürger diplomatische Missionen, Expertengespräche. Die Reise Brandts nach Erfurt jedoch setzte Gefühle frei, an deren Existenz man eigentlich nicht mehr recht geglaubt hatte. Die Warnung, niemand dürfe auf dieses Treffen große Hoffnungen setzen, wurde zwar zur Kenntnis genommen, aber die Hoffnung ließ sich von der politischen Vernunft nicht gängeln.

Selbst in Bonn, wo Kanzlerreisen üblicherweise niemand mehr aufregen, drängten sich auf dem Bahnsteig die Menschen, als Brandt in den Zug einstieg, eine Gruppe von Kommunisten darunter, die, wie ihre Gesinnungsfreunde drüben, auf einem Transparent die Anerkennung der DDR forderten, aber in der Mehrzahl Menschen, die einfach dabeisein, dem Kanzler Glück für seine Reise wünschen wollten. Unpolitische Menschen? Vielleicht, aber was heißt das schon!