Der Theologe und Psychotherapeut Eugen Drewermann, Privatdozent an der katholisch-theologischen Fakultat in Paderborn, muß nach dem Erscheinen seines jüngsten Buches über den geistlichen Stand („Kleriker – Psychogramm eines Ideals“, vgl. DIE ZEIT Nr. 45/89) mit dem Entzug der kirchlichen Lehrerlaubnis rechnen. Nach einem Gespräch mit Erzbischof Johannes Degenhardt Ende Januar hatte Drewermann überdies damit rechnen müssen, daß ihm in dieser Sache kein weiteres Gespräch und nicht einmal ein ordnungsgemäßes Verfahren eingeräumt werden wurde und dem Bischof deshalb einen „offenen Brief“ geschrieben, aus dem wir im folgenden Auszuge wiedergeben. Inzwischen ist ein Lehrbeanstandungsverfahren bei der Glaubenskommission angekündigt.

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Sehr geehrter Herr Degenhardt, ich wage es, mit diesem Schreiben an die Öffentlichkeit zu gehen, weil ich glaube, daß wir dabei sind, einen Streit auszutragen, der über die Grenzen der Kirchenmauern von Paderborn hinaus von Interesse sein dürfte...

...(In unserem Gespräch) am 31. Januar erklärte Ihr Beisitzer, Professor Klein, in meinen Schriften seien Häresien sehr schwer nachzuweisen – ich drückte mich zu schwammig aus. Nun wohl. Auch Sie betonten, es gehe jetzt nicht um Irrlehren. Es gehe um mein neues Buch. Geht es darum? Wir haben drei Stunden lang über das Buch gesprochen. Es enthält keine dogmatischen Aussagen. Es ist rein psychoanalytisch gearbeitet. Irrlehren sind dort nicht greifbar. Worum geht es dann?

Darum, daß die katholische Kirche in diesem Buch nicht gut wegkommt. Und das ist natürlich die Schuld des Autors. Ich wolle, erklärten Sie, eine andere Kirche. Aber mitnichten, Herr Erzbischof. Ich möchte eine Veränderung dieser Kirche.

„Über Glaubensfragen kann man nicht abstimmen.“ Richtig. Aber ist dies denn „Glauben“ zu nennen, daß eine bestimmte Eliteschicht von Klerikern bestimmte kirchliche und biblische Sprachspiele pflegt, die man als ungebildeter „Laie“ nur einfach so nachsagen muß, um als ein christkatholischer Gläubiger zu gelten? Ich zeige, daß ein solches Sprechen in Sachen Gottes von oben herab die Menschen entmündigt und abhängig hält, schlimmer: daß es sich als eine Form von Gewalt in ihren Herzen verinnerlicht und ihnen ständige Ängste und Schuldgefühle macht, selber zu denken, selber zu fühlen und den eigenen Erfahrungen zu trauen.

Was wir dringend brauchen, ist eine Form des Umgangs, eine Sprache, eine Sensibilität, die damit aufhört, einen „fremden Gott“ zu lehren. Nein, ich meine nicht, daß Gott ein Teil der menschlichen Psyche oder, wie Sie es einmal darstellten, „Jesus ein Archetyp der Seele“ sei. Ich meine allerdings, daß Gott nur innerlich zu unserem Herzen redet, daß alle religiöse Wahrheit nicht im Äußeren zu finden ist und daß Gott nicht ein Teil der Welt, kein „Faktum“ der Historie, kein Gegenstand der kirchlichen Verwaltung ist noch sein kann. Er ist im Gegenteil die Macht im Hintergrund von allem, die uns über den Abgrund trägt, indem sie Mut macht, selbst zu sein.