Der Zinsschub in der Bundesrepublik, die Diskussionen über das voraussichtliche Umtauschverhältnis der Ost-Mark in die Deutsche Mark und nicht zuletzt die Gefahren, die von der überhitzten Börse in Tokio ausgehen können – das sind alles Faktoren, die in den vergangenen Wochen den deutschen Aktienmarkt in Mitleidenschaft gezogen haben. Der Deutsche Aktien-Index ist seit dem 6. Februar, dem bisherigen Jahreshöchststand, um etwa sieben Prozent zurückgefallen.

Von Angstverkäufen kann trotz der unübersichtlichen Situation jedoch keine Rede sein. Ausschlaggebend für die Kursrückgänge war vielmehr die Zurückhaltung der Anleger, denen bewußt geworden ist, daß den Chancen, die sich aus der Öffnung der Märkte ehemaliger Ostblockstaaten ergeben, auch Lasten gegenüberstehen.

Wenn die Aktienkurse dennoch nicht allzu stark nachgaben, dann ist dies in erster Linie japanischen Investoren zu verdanken, die nach wie vor an deutschen Papieren interessiert sind. In den zurückliegenden Tagen setzten sie Kaufschwerpunkte in den Papieren der Großchemie und in den Stahlwerten. Angeblich soll in Japan ein Fonds für Stahlaktien konzipiert sein, der auch einschlägige deutsche Papiere enthalten wird. Vorzugsweise Thyssen. Der Thyssen-Kurs bewegt sich mit etwa 310 Mark in unmittelbarer Nähe seines diesjährigen Höchststandes von 313 Mark. Der vorjährige Tiefstkurs lag übrigens bei 189 Mark. Es war also an diesem Papier einiges zu verdienen. Interessiert haben sich nicht nur die Japaner für Thyssen, daneben gab es sogenannte Dividendenkäufe von Fonds, denen an hohen Ausschüttungen gelegen ist, um über ausschüttungsfähige Mittel verfügen zu können. Thyssen zahlt noch in diesem Monat eine Dividende von zehn Mark. Aus den gleichen Gründen war auch der Umsatz bei Siemens in jüngster Zeit auffällig lebhaft. Hier wird demnächst eine Dividende von 12,50 Mark fällig.

Zu überdurchschnittlichen Kursgewinnen kamen wieder einmal die Bauaktien. Die sich stetig festigende Baukonjunktur in Verbindung mit dem Auftragsvolumen, das der Bauindustrie in der DDR winkt, haben auf diesem Sektor die Euphorie offenbar zu einer Dauerscheinung werden lassen. Selbst die gestiegenen Zinsen wirken hier nicht dämpfend.

Verstärkt haben sich die Käufe in AEG-Aktien. Sie tauchen in unregelmäßigen Abständen auf und werden weniger auf die Ostphantasie zurückgeführt als vielmehr auf Spekulationen über ein neues Abfindungsangebot, das Daimler den verbliebenen AEG-Aktionären eines Tages machen könnte. Als Termin wird das zweite Halbjahr 1990 genannt. K.W.