Auf einer Tagung von Germanisten in der Europaischen Akademie von West Berlin haben Sie 1988 gefordert, die Kulturpolitik der DDR müsse sich ändern. Zwar gebe es keine Hoffnung, daß sich das unter der damaligen Fuhrung vollziehe, sagten Sie, aber Sie setzten auf eine neue Generation. Nun hat ein Generationswechsel, vielleicht sogar eine Revolution stattgefunden. Entspricht das dem, was Sie damals meinten?

GÜNTER DE BRUYN: Nein. Ich hatte kaum eine Vorstellung davon, was nach einem "Generationswechsel" passieren würde. Die Dimensionen gegenwärtiger Entwicklung habe ich nicht einmal geahnt. Das, was ich meinte, ging vom Machbaren in den herkömmlichen Bahnen aus, nicht von einem radikalen Bruch. Es war die Fortschreibung einer Hoffnung, die sich, was man heute leicht vergißt, durch die auf Kongressen und Tagungen möglichen Äußerungen der Künstler in den Jahren 198889 ergab. Da zeichnete sich einiges ab, was auf eine stärkere Liberalisierung der Kulturpolitik deutete. Auf mehr hoffte ich nicht.

Dabei sind Sie, wenn man von Ihrer Literatur ausgeht, ein eher leiser, unspektakulärer Mensch. Spätestens seit Beginn der achtziger Jahre aber haben Sie sich anfallen nationalen und internationalen Treffen vehement und deutlich geäußert. Ich erinnere mich an die erste Berliner Begegnung, an Den Haag, an den Schriftstellerkongreß 1988 und Ihre Rede zur Abschaffung des "Druckgenehmigungsverfahrens". Ihre Wortmeldungen waren unmißverständlich kritisch gegenüber der damaligen Kulturpolitik. Sind Ihnen daraus Nachteile entstanden? Inwieweit hat auch ein Betroffener reagiert?

DE BRUYN: Meine Stellungnahme gegen die Zensur, gegen Reglementierungen in diesem Bereich hatte nichts mit den Schwierigkeiten zu tun, die mein Roman "Neue Herrlichkeit" gehabt hatte. Ich gehörte nicht zu den verbotenen Autoren, aber ich wußte, daß Kunst Freiheit braucht, um sich zu entwickeln. Wer die Entwicklung der Kunst will, muß ihre Freiheit wollen. Daß ich das öffentlich sagen konnte, hing einmal mit meinem gewachsenen Selbstbewußtsein zusammen und zum anderen mit der Erfahrung, daß es sinnvoll war, sich derartig zu äußern. Ich hatte in den letzten Jahren oft das Gefühl, daß wir uns zuviel gefallen ließen.

<Mit Ihrer Rede auf der "Berliner Begegnung" haben Sie versucht, die damals subversiv genannte DDR Friedensbewegung m die allseits beklatschte europäische Friedensbewegung einzuschließen und so Verfolgungen zu erschweren. Es war ein Plädoyer für Denkprozesse außerhalb der genehmigten Strukturen. Fühlen Sie sich ah einer der Vater dessen, was im Herbst 1989 begann?

DE BRUYN: Da ist natürlich eine Wechselwirkung, man glaubt, sich als Individuum zu äußern, und ist doch Teil des Stroms. Schriftsteller sind Echo für Ablaufendes. Der Autor hatte die Möglichkeit, etwas öffentlich zu machen. Ich war Stimme einer Stimmung, die an sich schon da war. Ich drückte mehr als nur eine Überzeugung aus. Ich wollte Sprecher für die sein, die sich nicht äußern konnten.

Wie ist Ihrer Meinung nach die schreibende Zunft insgesamt mit dem Privileg des Sich äußernKönnens umgegangen? Es gibt den Vorwurf — vehement an die Journalisten, gedämpfter an die Schriftsteller gerichtet —, daß sie die Möglichkeiten nicht genutzt, daß sie versagt hätten.