Der französische Reaktorbetreiber EDF gibt erstmals schwerwiegende Sicherheitsmängel zu

Von René Brunner

Bei einer Routinekontrolle des französischen Kernkraftwerks Gravelines I (Nord) entdeckte ein Techniker vergangenen August Haarsträubendes. Die drei Sicherheitsventile des Primärkreislaufes, die im Falle eines Unfalls die Erhöhung des Druckes verhindern sollen, funktionierten nicht. Der Grund: Arbeiter hatten nach einem Test vergessen, die Ventile wieder ordnungsgemäß einzusetzen. Der Reaktor lief länger als ein Jahr ohne Überdrucksicherung. Die Folgen bei einem Unfall wären verheerend gewesen.

Im Reaktorgebäude von Dampierre I waren es zwei Pfropfen im Wasserabscheidesystem, die vergessen worden waren. Bis zur routinemäßigen Kontrolle der Sicherheitseinrichtung, die bei einer Kernschmelze zur Vermeidung von Wasserstoffexplosionen unabdingbar ist und bei der Katastrophe von Three Miles Island den GAU verhindert hat, lief der Reaktor während mehr als sechs Monaten weiter – trotz des lahmgelegten Sicherheitssystems.

Schwerwiegende Pannen wie in Gravelines und Dampierre sind in Frankreich offenbar an der Tagesordnung. 362 Zwischenfälle registrierte die Sicherheitsbehörde Service Centrale de Sûreté des Installations Nucleaires (SCSIN) allein im vergangenen Jahr in den 54 laufenden Kernkraftwerken: 84 dieser Zwischenfälle wurden als sicherheitsbeeinträchtigend eingestuft. „Menschliche Irrtümer, mit denen man leben muß und die sich nicht vermeiden lassen“, versucht Lucien Bertron, Direktor der thermischen Produktion bei den französischen Elektrizitätswerken EDF, die Bedeutung der gravierenden Sicherheitsmängel in der Öffentlichkeit runterzuspielen. Doch das bisher zur Schau gestellte Vertrauen der französischen Atomstrom-Befürworter in die Sicherheit der eigenen Kernkraftwerke ist in seinen Grundfesten erschüttert: Wozu nützen alle Sicherheitsmaßnahmen, wenn Arbeiter überlebenswichtige Ventile verwechseln können, ohne daß dies jemand merkt?

Gravierende Pannen

Erstmals seit der Einführung einer Gefahrenskala, die bis Alarmstufe sechs reicht, löste der Zwischenfall von Gravelines die Alarmstufe drei aus, die bereits vorher, bei einer gravierenden Panne in Bugey im Jahre 1984, erreicht worden wäre. „Zwei derartige Zwischenfälle in fünf Jahren, bei durchschnittlich vierzig Einheiten, ergeben eine Frequenz von einem Prozent pro Einheit und Jahr. Das ist wenig, doch solche ‚Beinahe-Unfälle’ alle zwei Jahre sind nicht die beste Methode, um das Image der Sicherheit in den französischen Kraftwerken zu verbessern“, warnt Pierre Tanguy, Generalinspektor der EDF für die Sicherheit der Kernkraftwerke, in einer internen Studie: „Beim gegenwärtigen Sicherheitszustand des EDF-Nuklearparkes beträgt die Möglichkeit eines größeren Zwischenfalles in den kommenden zehn Jahren einige Prozent.“