Zum 100. Geburtstag des Nestors der christlichen Soziallehre

Von Ulf Fink

Oswald von Nell-Breuning, Angehöriger des Jesuitenordens und emeritierter Professor an der Hochschule Sankt Georgen in Frankfurt, war nie ein Mann, der sich gern feiern ließ und erst recht nicht in seinem biblischen Alter. Ein Monument, das seine Zeit überlebt hat und nur noch verehrt wird? Ganz das Gegenteil: Er ist bis heute ein streitbarer Mann im Strom der Zeit, wacher Weggenosse aller gesellschaftlichen Entwicklungen und Umbrüche. Aber mit sich führt er immer einen Kompaß, an dem er sich beharrlich und unbeirrbar ausrichtet. Das ist es, so glaube ich, was am stärksten beeindruckt. Und deshalb hören wir auf ihn, weil hier einer spricht, der immer unabhängig blieb, keinen partiellen Interessen nachging und, wenn es sein mußte, nach allen Seiten Kritik austeilte.

Der Mensch, von Gott geschaffen und Gottes Ebenbild, mit Vernunft begabt und daher verantwortliches Wesen, ist unverrückbarer Ausgangspunkt aller seiner Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit. Wer seinen sorgsamen Bemühungen um Klärung der Begriffe und Zusammenhänge folgt, weiß, wo Nell-Breuning steht, welche Richtung er angibt. Das ist wohltuend in einer Zeit, in der manchmal übermäßig Verwirrung gestiftet wird und Probleme unnötig verknäult werden, so daß kein Durchblick mehr möglich ist. Mit Scharfsinn geht auch der sehr alte Nell-Breuning daran, die gesellschaftlichen Probleme zu sezieren, daraus Aufgaben abzuleiten und konkrete Folgerungen zu ziehen. Man muß sich mit seiner Argumentenkette auseinandersetzen. Darum ging es ihm stets vor allem. Freimütig gesteht er: „Es liegt mir fern, den Anspruch zu erheben, dieses mein Verständnis der katholischen Soziallehre sei das einzig mögliche oder werde allein der Lehre der Kirche gerecht oder sei allein mit ihr vereinbar. Wohl aber glaube ich, in allen Lehrstücken dieser Lehre treu geblieben zu sein. Mein besonderes Bemühen ging dahin darzutun, daß nicht wenige Meinungsverschiedenheiten gar nicht die Sache, sondern nur die sprachliche Ausdrucksweise betreffen und größere Sorgfalt im Sprachgebrauch oft schon genügt, um die Mißverständnisse zu entwirren und die sachliche Übereinstimmung an den Tag zu bringen.“ Da zeigt sich: Letztlich geht es Nell-Breuning um Versöhnung auf dem Boden menschlicher und sozialer Grundwahrheiten, sicher aber nicht um eine „Versöhnung“ im Sinne von faulen Kompromissen.

Sein Lehr- und Arbeitsstil ist so: Er spricht und schreibt direkt, ohne Umschweife, deutlich und konkret, er packt die Realitäten in Wirtschaft und Gesellschaft an. Bei dieser am Leben orientierten Methode hatte er keine Scheu, sich an den Ort des gesellschaftspolitischen Handelns zu begeben und sich souverän zu den wichtigen (längst nicht allen) Streitfragen zu äußern. Die Soziallehre ersetzt nicht den Sachverstand, und Prinzipien lassen sich nicht „melken“. Das hat er sich offenbar von Anfang an gesagt. Mit Vorliebe nahm er sich die harten ökonomischen Probleme und Sachverhalte vor. Der junge Doktor promovierte schon 1928 mit dem Thema „Grundzüge einer Börsenmoral“, einer Fragestellung, die bei der Ausweitung und Internationalisierung der Kapitalmärkte noch sehr dringend werden kann.

Gehorsamer Ordensmann

Ein eigenes Kapitel ist, wie Nell-Breuning als gehorsamer Ordensmann mit der Vorbereitung der päpstlichen Enzyklika „Quadragesimo anno“ beauftragt wurde. Hier wurde erstmals – im Jahre 1931 – die kirchliche Soziallehre auf die gesamte Gesellschaft angewandt – gegen die Einseitigkeiten von Individualismus und Kollektivismus. Die Spielregeln des Solidaritäts- und des Subsidiaritätsprinzips wurden in klassischer Weise herausgearbeitet.