Von Peter Urban

Moskau vor zweieinhalb Jahren: Der Mai war gekommen, man trug helle Kleider und Hoffnung, einig in der Bewertung des neuen Kurses. Zu diesem Generalsekretär – Mineralsekretär hatte der Moskauer Witz ihn getauft, der Antialkoholkampagne wegen – gab es keine Alternative. Aus Solidarität zu ihm mied man den Vodka.

Heute: Aufbegehren im Baltikum, offener Bürgerkrieg im Kaukasus, Unruhen an den Rändern des Reichs, in Gegenden, von deren Existenz man nie etwas wußte, Volksfronten überall. Radikale Reformer, denen die Perestrojka nicht weit genug geht, Pamjatj-Leute, Ultrarechte, die dem westlichen Photographen mit dem Bildnis des Zaren, in Koppel und Schulterriemen posieren und offen antisemitische Propaganda betreiben – man fragt sich weiter: dürfen, mit wessen Billigung? Im Hintergrund die beiden mächtigsten Apparate, die den großen Umbau relativ unbeschadet überstanden haben – der KGB und, als Sphinx, die Armee. Krisen, über die sich trefflich spekulieren läßt, zwischen den Zeilen die lauernde Frage: Wie lange geht das noch, und wann stürzt Herr Gorbatschow?

Ich wappne mich mit Trutzgedanken. Moskau stürzt so schnell nicht, recht hat mein Freund: Freundschaften halten im Zweifel länger als Regierungen, und ehe die Rolltreppen der Moskauer Metro stillstehen, muß viel passieren – oder es ist ein Uhr nachts. Die Versorgungslage soll sich verschlechtert haben, aber noch immer gilt der Grundsatz: Es gibt nichts, womit der Sowjetmensch nicht fertigwürde. Aber wie erleben die Menschen die veränderte Situation, wie schätzen sie die Lage ein, jenseits der Parolen und großen Verallgemeinerungen? Welche Fragen sind es, die sie bewegen? Muß nicht die – im Novemberheft von Novyj mir abgeschlossene – Veröffentlichung des „Archipel Gulag“ einen Schock ausgelöst haben? Werden jetzt auch hier die Eltern gefragt: Wie konntet ihr das zulassen? Was habt ihr davon gewußt?

Auf den ersten Blick hat sich Moskau kaum verändert, es ist vielleicht ein wenig schmutziger: Tauwetter. Auf den Straßen, den Metrotreppen dieselben müden, abgekämpften Gesichter, gleichgültig, apathisch. Dasselbe Gedrängel, Geschiebe, Gerempel an Stellen, wo es eng wird: Im Kontrast zu den teilweise imposanten Pelzmützen wirkt alles grau, achtlos und grob, im Winter zumal – jeder schaut nur auf die eigenen Füße, um der nächsten Pfütze auszuweichen, und jeder hat es eilig.

In den Devisenläden, wo es zwar nicht alles, aber viele Mangelwaren gibt (Alkohol, Tee, Kaffee, Westzigaretten, Kitsch, Kaviar, Schmuck), kaufen inzwischen auch Russen, sehe ich, sie kaufen en gros, womöglich für ihr privates Restaurant? Nur – hier, im Devisenladen, gilt er nicht, der touristenfreundliche Kurs der Staatsbank, hier kostet der Rubel nach wie vor drei Mark. Reg dich nicht auf, bekomme ich zu hören: „Eto russkije djeld“, so macht man es auf russisch. Und wie macht man es auf russisch? Ganz einfach: eine Kiste Vodka klauen, sie verkaufen und den Erlös versaufen.

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