Von Peter Urban

Moskau vor zweieinhalb Jahren: Der Mai war gekommen, man trug helle Kleider und Hoffnung, einig in der Bewertung des neuen Kurses. Zu diesem Generalsekretär – Mineralsekretär hatte der Moskauer Witz ihn getauft, der Antialkoholkampagne wegen – gab es keine Alternative. Aus Solidarität zu ihm mied man den Vodka.

Heute: Aufbegehren im Baltikum, offener Bürgerkrieg im Kaukasus, Unruhen an den Rändern des Reichs, in Gegenden, von deren Existenz man nie etwas wußte, Volksfronten überall. Radikale Reformer, denen die Perestrojka nicht weit genug geht, Pamjatj-Leute, Ultrarechte, die dem westlichen Photographen mit dem Bildnis des Zaren, in Koppel und Schulterriemen posieren und offen antisemitische Propaganda betreiben – man fragt sich weiter: dürfen, mit wessen Billigung? Im Hintergrund die beiden mächtigsten Apparate, die den großen Umbau relativ unbeschadet überstanden haben – der KGB und, als Sphinx, die Armee. Krisen, über die sich trefflich spekulieren läßt, zwischen den Zeilen die lauernde Frage: Wie lange geht das noch, und wann stürzt Herr Gorbatschow?

Ich wappne mich mit Trutzgedanken. Moskau stürzt so schnell nicht, recht hat mein Freund: Freundschaften halten im Zweifel länger als Regierungen, und ehe die Rolltreppen der Moskauer Metro stillstehen, muß viel passieren – oder es ist ein Uhr nachts. Die Versorgungslage soll sich verschlechtert haben, aber noch immer gilt der Grundsatz: Es gibt nichts, womit der Sowjetmensch nicht fertigwürde. Aber wie erleben die Menschen die veränderte Situation, wie schätzen sie die Lage ein, jenseits der Parolen und großen Verallgemeinerungen? Welche Fragen sind es, die sie bewegen? Muß nicht die – im Novemberheft von Novyj mir abgeschlossene – Veröffentlichung des „Archipel Gulag“ einen Schock ausgelöst haben? Werden jetzt auch hier die Eltern gefragt: Wie konntet ihr das zulassen? Was habt ihr davon gewußt?

Auf den ersten Blick hat sich Moskau kaum verändert, es ist vielleicht ein wenig schmutziger: Tauwetter. Auf den Straßen, den Metrotreppen dieselben müden, abgekämpften Gesichter, gleichgültig, apathisch. Dasselbe Gedrängel, Geschiebe, Gerempel an Stellen, wo es eng wird: Im Kontrast zu den teilweise imposanten Pelzmützen wirkt alles grau, achtlos und grob, im Winter zumal – jeder schaut nur auf die eigenen Füße, um der nächsten Pfütze auszuweichen, und jeder hat es eilig.

In den Devisenläden, wo es zwar nicht alles, aber viele Mangelwaren gibt (Alkohol, Tee, Kaffee, Westzigaretten, Kitsch, Kaviar, Schmuck), kaufen inzwischen auch Russen, sehe ich, sie kaufen en gros, womöglich für ihr privates Restaurant? Nur – hier, im Devisenladen, gilt er nicht, der touristenfreundliche Kurs der Staatsbank, hier kostet der Rubel nach wie vor drei Mark. Reg dich nicht auf, bekomme ich zu hören: „Eto russkije djeld“, so macht man es auf russisch. Und wie macht man es auf russisch? Ganz einfach: eine Kiste Vodka klauen, sie verkaufen und den Erlös versaufen.

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Das Čechov-Museum in der Kudrinsko-Sadovaja, „mein Kommoden-Haus, Farbe liberal, also rot“ (Čechov), kommt mir noch kleiner vor als früher: Achtspurig donnert der Moskauer Stadt- und Lastenverkehr an ihm vorbei.

Hier ist das Reich von Galina Fjodorovna. Die energische und kenntnisreiche Dame (Fragen Sie mich über Čechov – ich weiß alles) hat nicht viel Zeit. Die I. Internationale Čechov-Konferenz muß vorbereitet, eine Ausstellung der neuesten Erwerbungen des Museums (Widmungsexemplare, die immer noch angeboten werden) muß arrangiert werden, Hektik, Telephonate, dazwischen große Freude über den ersten russischen Band „Charms für Erwachsene“, den ich im Westen gekauft und mitgebracht habe, zwischen Tür und Angel revanchiert sich Galina mit einer Reliquie, der Schallplatte „Boris Pasternak liest Boris Pasternak“, dann findet sich doch Zeit zum Reden. In Galinas winzigem Büro fährt aus der Schrankwand das Klapptischchen herunter, ein Frühstück wird gerichtet, Galina entschuldigt sich, daß es so karg ausfalle: Sie teilt mit mir ihr Mittagbrot.

Diese Entschuldigung, von der ich weiß, wie bitter sie die gastlichen Moskauer ankommt, werde ich überall hören, wohin ich komme. Das Leben, sagt Galina, sei schwieriger geworden. In den Läden herrsche, unberechenbar, der Zufall, als berufstätige Frau habe man eben oft das Nachsehen. Galina ist nicht nur Direktorin eines der schönsten Literaturmuseen Moskaus, sie ist auch Hausfrau, Großmutter und weiß, wovon sie redet. Niemand wolle mehr arbeiten, erklärt sie die Misere. Ihr Großvater war Bauer, der ging bei Tagesanbruch aufs Feld, nach Sonnenuntergang kam er zurück. Dann gab’s die „Entkulakisierung“, und mit dem eigenen Hof war Schluß. Und heute? Und heute lesen wir den „Archipel Gulag“ und denken: Mein Gott, in was für einem Lande haben wir gelebt?

Viel, sehr vieles habe sich gebessert. Ein großes Erlebnis für uns alle, die wir Atheisten sind – Galina fährt augenzwinkernd fort: oder zu wenig an Gott geglaubt haben –, war die Übertragung des orthodoxen Gottesdienstes im Fernsehen, Weihnachten, zum ersten Mal, diese mächtigen Chöre... Ja, und was mich sicher freuen werde: Das Moskauer Künstlertheater, das alte Haus in der alten Kammerherren-Gasse, das so lange am Namen Gorkijs zu tragen hatte, heißt seit Januar offiziell imeni Čechova – Cechov-Theater. Auf diesen späten Akt der Gerechtigkeit müßten wir eigentlich anstoßen, wir tun es mit den Teegläsern.

Nebenan, in der Herzen-Straße, im CDL, dem Haus des Schriftstellerverbandes, treffe ich mich mit Zinovij Papernyj, einem führenden Cechov-Spezialisten, angestellt im Institut für Weltliteratur der Akademie der Wissenschaften. Papernyj ist optimistisch, er wirkt wie befreit. Alles sei besser geworden. Er, den man einer bissig-witzigen Parodie wegen aus der Partei ausgestoßen hatte, der jahrzehntelang nicht reisen durfte, wird jetzt seinen Sohn in den USA besuchen, und er kann wieder über Čechov arbeiten (ein Buch über Cechovs Humor). Sein Instituts-Chef, Altstalinist, den jeder nur aus Opportunitätsgründen gelobt hat und der ihn, aus Konkurrenzneid, an die Tagebücher Aleksandr Bloks „strafversetzt“ hatte, sei heute so gut wie vergessen: Niemand spricht mehr von ihm.

Verbotene Literatur gebe es nicht mehr, alles, was verboten war, werde gedruckt, nicht nur Solschenizyn, auch Bulgakov, Andrej Platonov, Marina Zvetajeva. Und was war nicht alles verboten: Merezkovskij, Zinaida Gippius, Gumiljov, Chodasevic, Volosin. In seinem Institut wird derzeit ein Band mit Briefen Osip Mandelstams aus der Verbannung vorbereitet, alles komme jetzt ans Licht, fast jede der Literaturzeitschriften enthalte in jedem Heft interessantes Material, man komme mit dem Lesen kaum nach.

Ich rekapituliere in Gedanken, was in den letzten beiden Jahren allein in Novyj mir, der angesehensten Zeitschrift (Richtung: liberal-konservativ, Auflage: 2,3 Millionen), zu lesen war – es könnte einem schwindlig werden. Und Zeitschriften dieses Typs gibt es viele: Oktober, Jugend, Das Banner, Morgenrote, Völkerfreundschaft, Neva, Ural, Don und wie sie alle heißen. Aber Literatur in der Sowjetunion, russische Literatur ohne Verbote, ohne Tabus, gibt es das? Ist diese Sicht nicht ein wenig euphorisch? Hatte ich nicht gelesen von einem Roman, der „die Ehre der Sowjetischen Armee verletzt“ hatte wie weiland Babel mit der „Reiterarmee“ die der Roten? Und was ist mit den deftigen Ausdrücken des Russischen, der Sprache des Mat, die man selbst Čechov bis heute nicht gestattet?

Nahe dem CDL liegt der Kalinin-Prospekt, dort befindet sich Dom knigi, das Haus des Buches, ein Buchkaufhaus des Zentrums. An den Fensterscheiben Plakate: „Bücher dienen dem Frieden und Fortschritt“, auch in englisch, im Eingang Gedränge, ein kleiner Bücherschwarzmarkt, auf dem vor allem Bibeln die Besitzer wechseln.

Gedränge auch drinnen, im zweiten Stock, in den Regalen der Sektion Russische Prosa – Bücher, Bücher, aber keines, das man haben will. In der Sektion Russische Poesie dasselbe Bild: Autoren, deren Namen keiner kennt, Schrott, Ladenhüter, verunstaltet von sowjetischen Illustrationen, die dem Begriff Buchschmuck Hohn sprechen, die man aber in ihrer atembenehmenden Scheußlichkeit in Kauf nehmen müßte, wenn einen das Gedruckte interessierte. Nur: Zum Anlesen ist hier weder Ruhe noch Zeit, wer sich nicht schnell entscheidet, wird von den Nachdrängenden beiseite gestoßen.

Von Mandelstam, Chlebnikov oder Charms, von der Achmatova oder der Zvetajeva – in ganz Moskau keine Zeile, jedenfalls nicht für Rubel. Andrej Platonov? Tagebücher von Aleksandr Blok? Man erntet einen mitleidigen Blick. Der „Doktor Schiwago“ ist 1989, in zwei Verlagen, mit einer Gesamtauflage von 175 000 Exemplaren gedruckt worden, „Der Meister und Margarita“ von Bulgakov in dreien, Auflage insgesamt eine halbe Million – aber wo sind die Bücher? Njet: nicht da, haben wir nicht. Wo man sie bekommen kann? Geh weiter, du komischer Heiliger, oder frag mich was Leichteres. (Den „Schiwago“ entdecke ich später, ein letztes Exemplar, in einem Devisenladen.)

In der Buchhandlung Völkerfreundschaft (Literatur der Bruderstaaten) ist eine Lieferung eingetroffen, eine riesige Palette Sienkiewicz, „Quo vadis?“. Riesenandrang, auch vor der anderen Attraktion (Lettraset-Alphabete). Einen Tag später im selben Geschäft – gähnende Leere. Alles ausverkauft.

Versorgungskrise auch auf dem Buchmarkt, trotz den neuen Freiheiten und dem Ende der Zensur? Wie man’s nimmt. Die Verlage produzieren, bei noch so hohen Auflagen, Mangelware; die Nachfrage befriedigen können sie nicht, Papier ist knapp; der Verteilerapparat, der sozialistische Buchhandel tut ein übriges: Die Kaufhäuser sind riesig, die Platzausnutzung ist miserabel, das Sortiment ein Produkt des Mangels. Die Verkäuferinnen könnten ebensogut mit Knöpfen oder Knallkörpern handeln: Sie stehen ihre Arbeitszeit durch, bar jeden Interesses, lustlos, und ob sie etwas verkaufen oder nicht, ist absolut gleichgültig. Ist es ja auch: Was verkauft wird, ist weg, was liegen bleibt, ist sowieso nichts wert.

Am Abend sehe ich im TJuZ, dem „Theater des jungen Zuschauers“, „Das Hundeherz“ von Michail Bulgakov, der allein in Moskau mit vier Inszenierungen auf die Bühne zurückgekehrt ist. Die Inszenierung von G. Janovskaja war auch schon im Westen zu sehen, es ist eine Satire auf die Hybris der Wissenschaft und auf den neuen Menschen. Einem sowjetischen Enkel des Dr. Jekyll gelingt es, seinem Hund – hinreißend in dieser Rolle: A. Vdovin – das Herz eines tödlich verunglückten Proletariers und Säufers einzusetzen, der Hund nimmt Menschengestalt an, doch seine Erziehung zum Menschen mißglückt: Die Proletennatur setzt sich durch – mit katastrophalen Verwicklungen für den medizinischen Zauberlehrling. Im Saal tatsächlich junge Zuschauer, viele Kinder, aber auch Teilnehmer eines wissenschaftlichen Kongresses zum Thema „Globale Moral und Ökologie“. Das Publikum folgt der Geschichte atemlos. Am Ende, auf offener Bühne, Szenenapplaus für die Frage: „Und wozu war das nötig?“

Nach der Vorstellung erläutert mir die Regisseurin beim Tee, daß sie Motive einer zweiten Bulgakov-Satire, der „Verhängnisvollen Eier“ nämlich, verwendet habe, denn wichtig sei schon,

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daß das ganze Experiment unter den wachsamen Augen der Polizei stattfinde – da drängen Teilnehmer des Kongresses herein, bedanken sich artig mit roten Nelken für diese „bewegende und mutige Regiearbeit, die das Denken der Ökologen noch lange beschäftigen werde“.

Wozu war das ganze Experiment nötig, fragen sich auch immer mehr Russen und vergessen dabei auch nicht das dialektische Tertium comparationis: cui bono? Damit meinen die einen – es sind gewiß nicht wenige – das Experiment Perestrojka, die anderen das ganze sozialistische System, das sie grundsätzlich ablehnen, mit dem sie jedoch – so schleppend, wie die Reformen umgesetzt werden – noch Jahre, Jahrzehnte werden leben und sich arrangieren müssen.

Eine Formel, die man immer wieder hört: „Siebzig Jahre“ – resignativ geäußert oder, je nach Temperament, höhnisch, auch zornig. Der Sinn war meist klar. Siebzig Jahre Pläne, die nicht aufgegangen sind, siebzig Jahre Experimente mit verheerenden Resultaten, ökonomisch, menschlich, moralisch, siebzig Jahre, die das Land heruntergewirtschaftet und entstellt haben – Schluß jetzt, ich will nichts anderes, als leben wie ein Mensch, ohne Mangel, ohne Schlangestehen, ich will leben, wie ich bin, wie ich es will, ohne deswegen Angst haben zu müssen; das ist, was ich vom Staat verlange – und kommt mir ja nicht mehr mit Experimenten.

Die andere Partei, schwer zu sagen, ob in der Minderheit oder nur in der Defensive, meint: Siebzig Jahre haben wir etwas aufgebaut, ein Weltreich – jetzt richten die es zugrunde. Jedenfalls werde auf die Frage: „Bist du Kommunist?“ seltener voll Stolz geantwortet: „Ja!“ Die Antwort lautet statt dessen immer häufiger: „Ja – na und?“

Glasnost allenthalben. Das Fernsehen scheint kein Tabu mehr zu kennen. In den Magazinsendungen abends, zu bester Sendezeit, ein Report über Prostitution, aber nicht über die Valuta-Nutten, sondern die Frauen in den Lasterhöhlen der Vorstadt, der Provinz, Bilder von unglaublicher Roheit und Trostlosigkeit. Ein Report über Jugendliche; ein Junge mit feuriger Punkfrisur klärt die Reporterin auf: „Ich bin Anarchist. Kein Punk, sondern Anarchist. Ich arbeite nirgends, und das gefällt mir großartig.“ Report über die Kriminalität mit der Nachricht, daß die Verbrechensrate 1989 gegenüber dem Vorjahr um 31 Prozent gestiegen sei.

Da kann auch die Parteipresse nicht zurückstehen. In der Zeitung Sovetskaja kultura beruft sich ein Polizeioffizier treuherzig auf das Jahr 1968, als die Zahl der Verbrechen statistisch bei Null gelegen habe (damals war offiziell angeordnet worden: Kriminalität in der Sowjetunion gebe es nicht). In der Moskovskaja pravda, „zum ersten Mal“, wie die Redaktion mitteilt, ein Bericht über vergiftete Nahrungsmittel, über Cadmium, real existierend im Moskauer Klärschlamm, der geradezu flächendeckend über die Acker der Sowchosen verteilt wird. In einer anderen Zeitung das Photo eines Mannes, der auf einem Pappschild seinen Arbeitsplatz zurückverlangt: Arbeitslosigkeit in der Sowjetunion, die als erster Staat das Recht auf Arbeit verfassungsmäßig festgeschrieben hat – und Nikolaj Erdmans „Selbstmörder“ jahrzehntelang verbot, weil der behauptete, es gebe Arbeitslose ...

Nachricht aus dem Unruheland Tadschikistan: „1988 nahmen 26,4 Prozent der arbeitsfähigen Bevölkerung nicht am gesellschaftlichen Produktionsprozeß teil, in manchen Bezirken beträgt der Prozentsatz 50 Prozent und mehr“, meldet die Sovetskaja kultura. Noch Fragen zum „Nationalitätenkonflikt“?

Und dann Ogonjok, das „Flämmchen“ – das „Flämmchen“, das sich zum Schneidbrenner gemausert hat, trotz 4,5 Millionen Auflage an keinem Kiosk in Moskau zu bekommen, das wöchentliche Nachrichtenmagazin der Enthüllungen: Darin ein Bericht über „Die geheime Geschichte der Verbrechen Stalins“ – die nichtgeheime ist also bekannt – und unter dem Titel „Aufbewahren für die Ewigkeit“ Michail Bulgakovs Tagebuch und in einer früheren Ausgabe eine minuziöse Recherche über den grausigen Tod Isaak Babels, dargestellt anhand seiner KGB-Akte. In Nummer 2/1990 ein Bericht über die Hinrichtung der Zarenfamilie, 1918 in Ekaterinburg, geschrieben von Edvard Radzinskij, einem bekannteren Dramatiker. Für Ogonjok arbeiten nicht nur gute Journalisten, sondern auch Schriftsteller wie der Erzähler Viktor Jerofejev (nicht zu verwechseln mit seinem Namensvetter Venedikt), auch Jevgenij Jevtusenko ist seit Januar Redaktionsmitglied. Ein Portrait des Ogonjok, nur einiger Ausgaben, könnte Aufschluß geben über den Stand von Glasnost in der Sowjetunion heute, aber auch darüber, warum der „Archipel Gulag“ nicht unbedingt einen Aufschrei des Entsetzens ausgelöst hat.

Wissen Sie, in meinem Bekanntenkreis gibt es niemanden, der das Buch nicht bei Erscheinen gelesen hätte, unter dem Tisch. Aber kennen Sie die „Erzählungen aus Kolyma“ von Valam Salamov, Novyj mir, Heft 6, 1988? Ach, wissen Sie, uns hat Vasilij Grossmans Roman „Leben und Schicksale“ mehr erschüttert. – Außerdem stellen unsere Zeitschriften heute schon ganz andere Fragen: Was war denn vor den Verbrechen Stalins? Den roten Terror hat Lenin begründet, nicht wahr? Und wie verhalten wir uns dazu? Und wie zum russischen Denken vor 1917, zu den nichtmarxistischen Philosophen, die bis heute verboten waren? Denken Sie an das sowjetische Schicksal Dostojewskis und all der anderen.

Die Erosion des sowjetischen, ideologischen Denkens ist weit fortgeschritten. Unter den Intellektuellen hatte sie weit früher, lange vor der Perestrojka eingesetzt, Anfang bis Mitte der siebziger Jahre. Das hat nur nicht gesehen, wer es nicht sehen wollte.

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Im Theater der Sowjetischen Armee, einem Monumentalbau der Stalin-Ära von der Intimität des Spartak-Stadions, spielt die Tragödie „Paul I.“ von Merezkovskij, einem Kritiker und Romancier der Jahrhundertwende, Emigrant nach 1917 und Kommunistenfresser. Das Stück, obwohl aufwendig inszeniert, ist schwach, Hörspiel in Farbe, sehenswert nur dank O.I. Borisov, der den größenwahnsinnigen Zaren Paul gibt. Das Publikum: gebannt von der Offiziersrevolte gegen den Diktator. Als wär’s eine Live-Übertragung aus dem Kreml.

Szenenwechsel. Ein Studio nahe dem Weißrussischen Bahnhof, Avantgarde-Theater. Zweihundert junge Leute sehen „Elizaveta Bam“ des jahrzehntelang verbotenen oder einfach vergessenen Daniil Charms, 1927 geschrieben, absurdes Theater vor schwarzem Hintergrund: Immerhin wird die Titelheldin zweimal unter Androhung der Höchststrafe verhaftet, das zweite Mal endgültig. Inszeniert ist das als Singspiel, mit vielen Gags, akrobatischen Einlagen – Varieté. Und der Abend verliert an Schärfe, wenn ihm wie hier ein stilistisch ganz anderer absurder Akt, „Kuprijanov und Nataša“ von Aleksandr Vvedenskij, draufgesetzt wird. Die jungen Leute amüsieren sich über den Beinahe-Beischlaf bei Vvedenskij, und niemanden stört, daß die Polizei bei Charms keine Angst macht: Polizisten als Possenreißer, Henker als Hanswurste – ist doch komisch!

Dem Abend unangemessen, enthält das Programmheft Vvedenskijs „Elegie“, meines Wissens bislang das einzige Gedicht dieses Autors, das in der Sowjetunion publiziert worden ist – aber was heißt unangemessen? Sollen die Zuschauer es doch mitnehmen, zu Hause lesen, denn wer von ihnen hat schon Novyj mir abonniert? Als nächste Premiere kündigt das Studio Dramen Vladimir Kazakovs an. Wie bitte? Jawohl: Vladimir Kazakov, der vor zwei Jahren (erst fünfzigjährig) starb, dessen erste Texte – beileibe keine staatsgefährdenden Schriften, sondern Gedichte, Erzählungen – 1970 unter Ängsten in den Westen geschickt wurden, den ich 1972 unter konspirativen Umständen kennenlernte: nach zwanzig Jahren also – endlich. Und der Almanach „Tag der Dichtung“, erzählt mir Kazakovs Mutter, bringe nun erstmals drei Gedichte.

Der Nachholbedarf ist, trotz allem, was bisher geleistet worden ist, enorm. Er erstreckt sich auf alle Gebiete: Bildende Kunst, Philosophie, Literatur, Theater, alles, und er erstreckt sich, in der Literatur, auf das vergessene Erbe der vorrevolutionären Zeit, auf die Literatur der Emigration (Nabokov kehrt im Triumph zurück, erste Gedichte von Brodskij sind erschienen, die Romane von Sasa Sokolov, Vasilij Aksjonov), auf die Klassik und klassische Moderne des Westens (Proust, Mann, Kafka, Joyce, Beckett, um nur diese zu nennen), auf die eigene Klassik der Moderne (Blok, Chlebnikov, Charms, Vvedenskij e tutti quanti), auf westliche Bestseller (Eco, le Carrés „Rußlandhaus“ natürlich, je eine halbe Million), vor allem, nicht zu vergessen: Krimis.

Und groß ist die Zahl jener russischen Autoren, die im Lande blieben und nur im Westen publizierten – oder geschwiegen haben. Andrej Bitov, heute auch als Publizist ein gefragter Autor, ist einer von ihnen: Das „Puschkinhaus“ liegt inzwischen vor, auch Erzählungen, fünfzehn, zwanzig Jahre alt, gelangen endlich ans Licht der Öffentlichkeit. Ein anderer ist Jevgenij Popov. Mark Charitonov. Vjaceslav Pjecuch. Tatjana Tolstaja. Der Dichter Dimitrij Prigov. Viktor Jerofejev ist mit 42 Jahren noch einer der Jüngeren unter diesen „jungen Autoren“.

Sie alle können erst seit ein, zwei Jahren publizieren. Der jüngste Autor, dem ich in Moskau begegne, Vladimir Sorokin, ist 35 und einer der begabtesten, radikalsten, sein Roman „Die Schlange“ (siehe ZEIT 1/90) ist russisch bisher nur in Paris erschienen. Vier Romane hat er geschrieben, daneben Dramen, Erzählungen – erst jetzt sind, in einer Rigaer Zeitschrift, zwei Erzählungen von ihm in der Sowjetunion erschienen.

Und zu lesen ist endlich auch der womöglich tiefste, verzweifeltste und witzigste Roman dieser Generation, „Moskva – Petuski“ von Venedikt Jerofejev (deutsch bei Piper unter dem Titel „Die Reise nach Petuschki“), vorabgedruckt – für Kenner: kein Witz! – in der Zeitschrift Nüchternheit und Kultur sowie im Almanach Vestj. Die Bühnenversion, zu besichtigen im Theater an der Malaja Bronnaja, war schlicht ein Hit.

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Das Kulturleben in Moskau ist heute von einer so nie gekannten Vielfalt, es ist verwirrend lebendig und offen für beinahe alles. Und dennoch wirkt es wie der Tanz auf dem Vulkan: Berlin der zwanziger Jahre.

Denn das Problem Nummer eins, die Versorgungskrise, kann von der kulturellen Umtriebigkeit überspielt, kann in der neuen Offenheit publizistisch kritisiert werden – lösen kann man es so nicht. „Die bislang einzige Errungenschaft der Perestrojka“, so hat es, weithin vernehmbar im Fernsehen, ein litauischer Intellektueller formuliert, „ist die Freiheit der Rede“, und das ist die bittere Wahrheit.

Die Versorgungskrise hat sich spürbar verschärft, sie ist nicht herbeigeredet, und der Unmut darüber wird unverhohlen geäußert. Die Stimmung ist gereizt, sie entlädt sich in sarkastischen Witzen: Was denn nun Perestrojka sei, wird der sowjetische Hund gefragt. Antwort: Die Kette haben sie uns um einen Meter verlängert, den Freßnapf zwei Meter weiter weggestellt, aber bellen! bellen dürfen wir nach Herzenslust. Der Ärger ist allgemein: Nichts mehr in den Läden, Konserven, die niemand will, nichts Frisches; ohne die Kolchosmärkte ginge gar nichts mehr, aber die Preise dort... Der Zucker seit Mai rationiert, der neueste Engpaß: Seife. Und überall: Schlangestehen.

Neben deficit, „Mangelware“, ist das wichtigste Wort des Neurussischen: dostatj, „ergattern“, „erstehen“, „bekommen“. Man kauft nicht mehr, regulär im Geschäft, sondern man bekommt – über Freunde, die Freunde haben, die wiederum Freunde haben, und die muß man haben, wenn man etwas braucht, die Uhr reparieren lassen muß oder die Zähne. Gerade das aber ist es, was das Leben so beschwerlich macht und so unendlich viel Zeit, Nerven und Energie kostet: den normalen Alltag zu organisieren.

Nein, nichts sei bis heute geschehen, um die Lebensverhältnisse zu verbessern, die Reformen, die Entscheidungen der Führung seien halbherzig, auch der Nationalitätenkonflikt sei großenteils hausgemacht, den nichtrussischen Völkern habe man Versprechungen gemacht, und die seien nie erfüllt worden, nichts sei geschehen. Hausgemacht, von dunklen Kräften inszeniert, sei wahrscheinlich auch die Versorgungskrise. Perestrojka ist Unfug. Perestrojka bleibt stecken.

Innerhalb von zweieinhalb Jahren ist eine Atmosphäre entstanden, deren explosives Gemisch gefährlich werden könnte, wenn nicht bald Wirksames geschieht. In dieser Atmosphäre, in der die Schuldzuweisungen nur so schwirren, hin und her, da wuchern Spekulationen, gedeihen – schwer überprüfbare – Gerüchte.

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Geschichte aus der Produktion (kein Gerücht, sondern offener Brief von Natalja Popkova an das Reformblatt Moscow News): Nataša hatte, vor anderthalb Jahren, als der Aufruf erging, mit Perestrojka bei sich anzufangen, ein Grundstück gekauft, um Schweine zu züchten und so dem Mangel an Fleisch abzuhelfen.

Schweinezucht ist kein Problem, wenn der Partner – die Sowchose – pünktlich die Futtermittel liefert (was sie nicht tat), wenn einen der Tierarzt nicht schneidet und so fort. Aber wie bringt man das Fleisch an den Mann?

Erste Möglichkeit: Kolchosmarkt, eine Schule des Lebens. „Dort lernte ich, wen man mit wieviel schmieren muß, um an einem Verkaufsstand zugelassen zu werden, wieviel, damit der Schlachter einen nicht stehenläßt. Der Tierarzt bekommt etwas, damit er nicht erklärt, man habe verdorbenes Fleisch geliefert. Selbstverständlich hält auch die Marktverwaltung die Hand auf.“ Auf dem Markt bringt das Kilo Fleisch fünf bis sechs Rubel, viel, aber man steht tagsüber am Stand, schlachtet nachts und kommt nicht zum Schlafen.

Also: der Genossenschaftsverband, der mächtige Apparat, der Preise (drei Rubel pro Kilo) und Bedingungen diktiert. Frage, ob er dir das Fleisch überhaupt abnimmt: „Nicht das Fleisch nämlich ist das Wichtige, es kommt auf die Bescheinigung an. Der Handel mit den Bescheinigungen läuft so: Der Aufkäufer kauft dem Bauern ein Schwein ab unter der Bedingung, daß dieser per Unterschrift bestätigt, zwei geliefert zu haben.“ So werden Überkapazitäten an Fleisch „erzeugt“, Vermögen gemacht, nur: Die Fleischmenge bleibt natürlich die gleiche.

„Tote Seelen“ auf sowjetisch. Natasa hat aufgegeben, ihr Stall steht jetzt leer.

Geschichte aus dem Geistesleben, ebenfalls kein Gerücht, in Moskau ging sie um wie ein Lauffeuer: Im Haus der Schriftsteller veranstaltete die Autorengruppe April – um Pristavkin, Jevtusenko, und viele andere – zur Feier des Erscheinens ihres ersten Almanachs eine Lesung. Trupps der Pamjatj-Leute hatten sich, keiner weiß mit wessen Hilfe und wie, Zutritt verschafft, über Megaphon versuchten sie, die Versammlung zu sprengen, antisemitische Transparente wurden enthüllt: „Jakovlev raus aus dem Politbüro! Jakovlev ist der Beschützer der Juden und Freimaurer.“ Ein Augenzeuge, deutscher Ordinarius: „Wie Berlin, 1933.“ Die Miliz sei mit Verspätung eingetroffen und äußerst milde vorgegangen. Versammlungsteilnehmer, die zur Zeugenaussage mit aufs Revier gegangen seien, seien dort von denselben Störern als Juden beschimpft worden. Drohung der Pamjatj-Trupps beim Verlassen des Saals: „Das nächste Mal kommen wir, aber nicht mit Transparenten, sondern mit Maschinenpistolen.“

Neue Ängste gehen um, in Moskau, in Leningrad. Die längsten Schlangen in Moskau stehen Tor den Botschaften der USA und der Bundesrepublik. Über eine wirksame Kontrolle, die Einschränkung der Macht des KGB war bisher wenig zu hören. Auf der letzten großen Massendemonstration wurde ein Transparent gezeigt: „Pamjatj - KGB = Tod“. Wenige sprechen aus, was vielen schwant: Kommt der „Pogrom“, der Umsturz – dann sitzen wir alle in Sibirien.