Bonn

Mit „Glück zu“ wurde in vorindustrieller Zeit der Müller im Dorf gegrüßt, das Geräusch der knarrenden Flügelkreuze seiner Mühle gehörte zum beschaulichen Leben. Die Zeiten ändern sich. Heute löst ein Bauantrag auf sanfte Energiegewinnung mit Windflügeln von sechs Meter Durchmesser eine empörte nachbarliche Unterschriftensammlung aus: „Wegen eines einzigen Öko-Spinners sind Ruhe und Schönheit unserer herrlichen Wohngegend in Gefahr. Er wird den preiswerten Strom haben und wir den Lärm. Er ist einfach nur rücksichtslos und beantragt Sonderrechte für seine provozierenden Ideen. Das ist Umweltschutz auf den Kopf gestellt.“ Die Nachbarn fühlen sich verantwortlich.

Auch der Zahnarzt Frank Marklewitz aus Bonn-Bad Godesberg nimmt den ökologischen Imperativ der Zeit ernst. Mühen scheut er nicht. Allerdings, der Kampf gegen Behörden und Nachbarn zermürbt ihn. Schon für die Solarzellen auf seinem Dach, mit denen er von April bis Oktober sein Wasser wärmt, führte er einen geduldigen, monatelangen Papierkrieg gegen das Bonner Bauordnungsamt. Das ging bis zur Abrißverfügung mit Bußgeldandrohung. Trotz dieser Erfahrung will er sich mit Hilfe einer dreizehn Meter hohen Windkraftanlage – als erster in der Bundeshauptstadt – völlig vom rheinisch-westfälischen Elektrizitätsversorger abkoppeln und sogar noch seinen überschüssigen Strom dorthin liefern.

Weil sich der Tüftler bewußt ist, in einem Schwachwindgebiet zu wohnen, hat er sicherheitshalber, bevor er den Antrag auf Errichtung einer „Windenergie-Nutzungsanlage“ bei der Bonner Stadtverwaltung stellte, Windmessungen vorgenommen. „Der Wind hier reicht für die Stromversorgung von Praxis und Zweifamilienhaus. Flaute stört mich nicht, denn mit einer kleinen Elektrolyse-Speicheranlage kann ich Stromüberschuß von Sturmtagen lagern und abrufen.“

Das hört sich gut an. Dennoch wurde sein Antrag vom Mai 1989 erst nach mehrmaligen Mahnungen des Arztes im August letzten Jahres – mit Hinweis auf den örtlichen Bebauungsplan von 1969 – abgelehnt. Doch der Umwelt-Guru gab nicht auf. Schließlich wurde eine Bauplanungskommissionssitzung Ende Dezember 1989 einberufen, aber ohne Entscheidung auf den 14. Februar dieses Jahres vertagt und dann ohne Ergebnis auf Mitte März 1990 verschoben.

Andernorts macht man sich das Leben nicht so schwer. An der 250 Kilometer langen westfälischen Mühlenstraße zum Beispiel stehen mehr als vierzig alte Wind- und Wassermühlen. Seit 1979 haben dort Land, Kreis und Gemeinden zwölf Millionen Mark für deren Erhaltung bereitgestellt, wohlgemerkt, nicht etwa für ein stilles, unsichtbares Projekt: „Die Leute sind interessiert an der Technologie von vorgestern, haben Lust am Lärm und sind verzaubert vom lauten Knarren der Segel“, schwärmt Landrat Vorcherding aus Minden-Lübbecke. Heidemarie Blankenstein