Von Roland Kirbach

Sonneberg ist endlich wieder ein Fleck auf der Landkarte. Jahrzehntelang war die südlichste Kreisstadt der DDR, die fast wie eine Exklave nach Oberfranken hineinragt, auf den DDR-Karten getilgt, einfach nicht vorhanden. Die 30 000 Einwohner zählende Stadt war gleichsam doppelt abgeschnitten: von der feindlichen Bundesrepublik, die Sonneberg auf drei Seiten umgibt, aber auch vom Rest der eigenen Republik. Für DDR-Bürger war das Städtchen am Rand des Thüringer Waldes Sperrgebiet, nur mit Sondergenehmigung zu betreten.

Jetzt, seit Öffnung der Grenzen, ist Sonneberg aus dem Dornröschenschlaf erwacht, doch es war ein böses Erwachen. Von beiden Seiten strömen nun die Massen in die Stadt. DDR-Bürger aus dem Hinterland machen auf ihrem Weg in die Bundesrepublik hier gern Halt, um sich noch mal satt zu essen und das Auto vollzutanken. Denn für solch profane Dinge möchte man ungern seine kostbaren D-Mark ausgeben.

So sehen das auch immer mehr Bundesbürger. Sie überfluten das kleine Grenzstädtchen regelrecht und scheinen für wirklich alles Verwendung zu haben. Sonneberg – das ist für sie ein einziger großer Wühltisch.

"Die kaufen alles weg", klagt Karin Bauer, stellvertretende Leiterin des HO-Geschäfts "Moderne Hauswirtschaft" im Stadtzentrum. Werkzeug und Kaffeeservice, Kochtöpfe und Staubsauger, Gartengeräte und Besenstiele, Glühbirnen und sogar Kohleöfen kaufen die "Bundis", wie sie nur noch abfällig genannt werden. "Der Umsatz läuft uns davon", sagt Frau Bauer. Um rund die Hälfte sei er in den vergangenen zwei Monaten gestiegen. Für die Einheimischen hat der Ausverkauf zur Folge, daß nun auch solche Waren vergriffen sind, die es bisher in ausreichender Menge gab, zum Beispiel Kochtöpfe, Bettwäsche oder auch Sicherheitsnadeln.

Während die DDR-Bürger aus Angst vor einer ungewissen Zukunft ihre Ersparnisse jetzt häufig für Haushalts- und Elektrogeräte lockermachen und die Vorräte aufkaufen, hamstern die Bundesbürger hauptsächlich Lebensmittel und Gebrauchsgegenstände des täglichen Bedarfs, oft gleich en gros. Neulich, berichtet Frau Bauer, habe eine Frau 36 Teller auf einmal gekauft. Ein anderer West-Kunde packte hundert Glühbirnen in seinen Einkaufskorb und rühmte sich, damit nun, was Glühbirnen betrifft, "bis ans Lebensende ausgesorgt" zu haben.

Es ist nicht nur der Ausverkauf an sich, der die Menschen drüben entsetzt. Mehr noch schmerzt sie die herablassende Art, die die Bundesbürger dabei oft an den Tag legen. Ein West-Ehepaar zum Beispiel, erzählt Karin Bauer, kam nach dem Einkauf noch mal in den Laden – um mit einer Videokamera das Regal mit dem Einweckbedarf wie Konservenglasklammern und Einweckgummis zu filmen. Frau Bauer: "Dabei haben sie sich halb totgelacht, daß es so was Altmodisches noch gibt." Und mehrmals schon seien Verkäuferinnen im Laden von männlicher West-Kundschaft gefragt worden: "Und wieviel kostest du?"