Dies ist die Stunde der West Onkel. In Scharen kommen sie angereist, um bei den armen Verwandten nach dem Rechten zu sehen; schon gibt es Pläne, den souveränsten und soigniertesten von ihnen auf den Schild eines Ganzen zu heben, in dem es weder Onkel noch Neffen, sondern nur noch Deutsche gibt. Klaus von Dohnanyi, der Sohn des Widerstandskämpfers, Enkel des Komponisten, einstiger Bundesminister und langjähriger Regierungschef des Stadtstaats Hamburg, steht Richard von Weizsäcker an geistigem und politischem Rang nicht nach; man kann ihn sich gut als künftigen Bundespräsidenten vorstellen. Nun hat auch er sich unter die Schar der Ratgeber eingereiht: "Brief an die Deutschen Demokratischen Revolutionäre" heißt das Vademecum, mit dem er uns auf die Sprünge zu helfen trachtet. Gegen den Inhalt ist um so weniger etwas zu sagen, als die wohlmeinend kenntnisreichen Hinweise mit einer guten Portion bundesrepublikanischer Selbstkritik gewürzt sind. Es wird uns anheimgestellt zu verfahren, wie die Bundesrepublik verfuhr, als sie die Staatsstruktur der westlichen Demokratie aufnahm: es besser zu machen im Nachmachen.

Kein Zweifel, wir haben vieles, sogar Grundlegendes zu übernehmen; nichts stünde uns weniger an als das Pochen auf Errungenschaften, die selbst dort, wo sie Werte vorstellen, in den Strudel der Ineffizienz, Insuffizienz geraten sind. Die DDR habe die Chance versäumt, in der Verlangsamung der industriellen Prozesse eine eigene Qualität zu finden, hat Heiner Müller unlängst der Züricher ausgelaufen, was Ulbricht, ohne es zu meinen, in den paradoxen Sinnspruch "Überholen, ohne einzuholen" faßte. Sie ist von den alles beherrschenden Wandlitz Siedlern niemals auch nur begriffen, geschweige denn angegangen worden. So sind wir tief in der ersten Jahrhunderthälfte steckengeblieben, der des 20 und des 19. Jahrhunderts zugleich — sozialistisches Biedermeier, in das nun der kalte Wind der Modernisierung fährt.

Klaus von Dohnanyi mildert dessen Ankündigung durch freundlichen Zuspruch. Er gibt keine Interviews, wie einige exzeptionelle westdeutsche Ökonomen, und er schreibt keine Artikel; er schreibt einen langen Brief und adressiert ihn an "die Deutschen Demokratischen Revolutionäre". Er will uns etwas Gutes tun mit der Anrede, aber können wir (da ist es schon wieder, unser gutes altes Biedermeier Wir!) die Titulatur annehmen? Können wir sie wenigstens einigen von uns attestieren? Hat irgend jemand in diesen Wochen und Monaten — Revolutionäre erblickt?

Es hat eine Revolution stattgefunden, kein Zweifel, und manchen will sie als Gegenrevolution erscheinen (Das wäre sie in dem Augenblick, wo die Junker das Bauernland wieder einfordern dürften, und dieser Augenblick wird so wenig stattfinden wie im Frankreich von 1815 ) Revolutionäre waren dabei nicht zu entdecken. Dies eben war die Chance dieser Revolution: daß sie der Revolutionäre entriet; der Staat, der sich selbst einmal als revolutionär begriffen hatte, hatte seine Abwehrmechanismen auf den analogen Typus von Umstürzlern, Staatsokkupanten eingestellt.

Wogegen er wehrlos war, da es außerhalb seiner Vorstellungskraft lag, das war eine Revolution ohne Revolutionäre. Opponierende waren zu erkennen, Widerstehende, mit einem Wort: Protestanten, aber keine Protagonisten oder gar Strategen des Umsturzes; ihr ganzes Veränderungspathos kam just daraus, daß sie den Staat keineswegs umstülpen, sondern ihm nur raten wollten. Der ratlose Staat wollte sich nicht raten lassen; das Ansinnen, guten Rat anzunehmen, konnte er nur mit einem stillen, freundlichen Zusammenbruch erwidern. So tief saß auch in ihm das Empfinden, daß alles schon lange nicht mehr ging.

Wo es nun langgeht, sagen uns die West Onkel, und wenn man sieht, wie unbefangen sich christlich firmierende Nashörner in unserem deutschen demokratischen Porzellanladen tummeln (kaum sind wir einen Generalsekretär los, schon haben wir zwei neue auf dem Hals, sie gleichen jenem an Weltfremdheit und Harthörigkeit), dann wird man Klaus von Dohnanyis Botschaften nicht ohne Herzlichkeit in Empfang nehmen. Das auch nach der ändern Seite. Man vergleiche den Revolutionston von einst, diese Weltrettungs- und Machtergreifungsemphase, die noch 1968 im Westen fröhliche Ürstände feierte — man vergleiche jene Verbalenergetik der hochfliegenden Abstraktion mit dem Klaus von Dohnanyi Ton, und man wird sich des Gedankens nicht erwehren können, daß die Welt erwachsener geworden ist. Hier herrscht nicht die Großsprecherei eines Aktionismus, der das Ohr am Fernsprecher des Weltgeistes zu haben glaubt, hier waltet eine zutätig ratende Kleinsprecherei, deren Meister übrigens Willy Brandt ist, der Altmeister, der noch die weitreichendsten Tatbestände mit einer Nonchalance festzunageln weiß, die ins Schwarze trifft, ohne daß sich irgend jemand getroffen fühlt.

Dohnanyi leistet Aufklärungsarbeit auf allen Gebieten moderner Staats, Stadt- und Wirtschaftsorganisation, und wenn vieles inzwischen auch bei uns selbst gesagt worden ist und die Begriffe Ausverkauf und Marktwirtschaft und demokratischer Sozialismus und deutsche Einheit aus dem Emotional Verdunkelten ins Rationale gesetzt werden konnte, so wäre es doch voreilig zu sagen, er renne offene Türen ein. Viele Türen in vielen Köpfen, gerade auch den reformatorisch beherzten, sind noch sehr verschlossen, und das ist kein Wunder. Wenn ein Staatswesen seine Kräfte fast zwei Jahrzehnte darauf konzentriert, die Geschichte zum Stillstand zu bringen, so wird, wenn diese sich wieder in Bewegung setzt, alles holterdipolter gehen. Genau das ist unser Fall. Wem sollte da nicht schwindelig werden?

Auch den Einwohnern der Bundesrepublik wird allmählich schwindelig. Auch ihre Welt wird erschüttert, die Peter Schlernihl Welt, die mit der Währungsreform von 1948 anhob. Sie war der eigentliche Sündenfall der deutschen Teilung, und es ist folgerichtig, daß deren Behebung nun mit der — für alle Teile nicht ganz billigen — Zurücknahme der Währungsspaltung beginnt. Damals, anno 48, verkauften entschlossene Rheinländer ihren Schatten (Ja, an wen denn? Wir wollen doch niemand verteufeln!) und standen danach mit dem ganzen Zweidritteldeutschland lange Zeit in einer Sonne, die offenbar genau zu ihren Häuptern stand, so wenig war von dem Schatten zu sehen. Dieser Schatten wird ihnen nun wiedergegeben; eine Identität, die sie einholt, da sie ihrer längst ledig zu sein glaubten (die Linken machten daraus sogar eine Weltanschauung), macht ihnen nur scheinbar weniger zu schaffen als uns ein Vorgang, der vielen als Identitätsverlust erscheint. Peter Iden, der Frankfurter Kritiker, hat mit wachem Sensorium bemerkt, daß mit dem Eindringen der DDR Bewohner in die Bundesrepublik Menschen anderen, stärker entwickelten Wahrnehmungsempfindens auf ein Land zukommen, das auf seiner schönen Währung wie auf einem fliegenden Teppich über der Realität zu schweben schien. Man sieht es manchmal im Fernsehen: Eine Art Schnösel Typ, der ganz parteiunabhängig ist, bedrängt in immer neuer Gestalt die Abgesandten eines fremden Volkes, dessen Sprache scheinbar auch die ihre ist. Es ist dann nicht zweifelhaft, auf welcher Seite die Wirklichkeit ist.

Vielleicht vermisse ich auch an dem schönen, kenntnisreichen Schreiben Klaus von Dohnanyis ein wenig — die Schwere. Das liegt daran, daß es sich als Brief gibt, eine sehr anspruchsvolle Mitteilungsform. Je mehr es sie abstreift, um so lesbarer wird das Mitgeteilte. Man sollte den Text von hinten lesen. Friedrich Dickmann Revolutionäre Verlagsgruppe Kiepenheuer, Leipzig 1990; 180 S, 7 - Mark (Ost) Verlag Droemer Knaur, München 1990; 189 S, 8 80 DM