Von Nina Grunenberg

Helmut Maucher ist 62 Jahre alt und als Delegierter des Verwaltungsrats der Nestlé AG der maßgebende Mann des Konzerns – der größten Firma der Schweiz, des größten Lebensmittelkonzerns der Welt. Vom franzosischen Wirtschaftsmagazin Expansion wurde Nestlé vor zwei Jahren auch noch zum "europaischsten" Unternehmen des Kontinents ernannt. Im Vergleich mit dem multinationalen Charakter von Nestlé, so das Pariser Magazin, erreichten die Konzerne in Frankreich, Italien und in der Bundesrepublik nur gute Noten als "nationale Champions" – zumal die deutschen Ihre Unternehmen glichen festen Burgen, hieß es, deren Zugbrucken nur selten heruntergelassen wurden, um Ausländern Einlaß zu gewahren.

Das ist auch Helmut Mauchers Erfahrung. Er lächelt oft über deutsche Kollegen, "die ums Verrecken einen Ausländer in ihren Vorstand bugsieren wollen", um ihren Anspruch auf Internationalitat einzulösen und ihre Fuhrungscrew auf ein Europa ohne Grenzen vorzubereiten. Maucher hat das umgekehrte Problem. Er muß dafür sorgen, daß im Topmanagement von Nestlé genügend Schweizer bleiben. Zu seinem neunköpfigen Konzernvorstand gehören zwei Spanier, ein Italiener und ein Engländer. Er selber ist Deutscher, geboren in Eisenharz im Allgau.

"Wer weltweit managt", findet Maucher, "muß die regionalen Erfahrungen auch weltweit mit einbeziehen. Das erreicht man am einfachsten über die Menschen." Am Sitz der Gesellschaft in Vevey am Genfer See sind 1600 Mitarbeiter aus 52 Nationen beschäftigt. Die rund 200 000 Menschen, die weltweit für den Konzern arbeiten, sind zu 95 Prozent Nichtschweizer. Die 430 Fabriken des Unternehmens sind über 34 Lander verstreut (davon 200 in Europa).

Von den "gegen" fünfzig Milliarden Schweizer Franken Umsatz werden nur drei Prozent in der Schweiz getätigt. Insgesamt kommt ein Drittel des Umsatzes aus Europa, ein Drittel aus den USA und ein Drittel aus den übrigen Weltregionen, darunter als wichtigste Markte Japan und Brasilien.

Ein blendendes Zahlenwerk. Es reicht aus, um denjenigen, der es zu verantworten hat – Maucher steht seit neun Jahren an der Spitze von Nestlé –, zur Lichtgestalt zu machen. Aber das ist auch das Problem mit den Chefs. Die Konjunktur-Sonne steht so senkrecht über ihnen, daß sie kaum noch Schatten werfen. Auch wenn sich ihr Leben in Wirklichkeit nur von Bilanz zu Bilanz zieht, werden sie allein schon von ihren Gewinnen in den Kreis jener Machtigen erhoben, die in den Augen von Herrn Muller und Frau Meier mit an der Weltkugel drehen

Die Chefs hören das nicht gerne. So sehen sie sich nicht. "Wer mitten drin steckt, sieht weniger die Macht als ihre Begrenzungen", sagt Helmut Maucher. Seiner Meinung nach gehorchen Leute wie er nur den Gesetzen des Marktes und sind nicht seine Beherrscher. Dabei dirigiert Helmut Maucher ein Weltreich – "er dominiert es", sagen gute Beobachter – vor dessen Ausdehnung Karl V. erblassen mußte. Doch das belastet ihn nicht. Chefs sind in der Regel Optimisten, die tatendurstig in die Zukunft sehen und deren Selbstbewußtsein von Zweifeln nur schwer zu trüben ist.