Von Brigitte Macher

An der Rezeption des „Nystuen Hoyfjellshotel“ steht ein gewaltiger Bär, genannt „Little Pekka“. Seine Nase ist etwas beschädigt – ein Tourist habe da mal seine Zigarette drangehalten. Beim lebendigen Pekka hätte er das sicher nicht gewagt, aber der ausgestopfte wirkt eher rührend als furchteinflößend. Seine traurigen Lebensumstände kann man auf einer Tafel nachlesen: 1950 wurde ein Bärenpaar aus Finnland nach Norwegen gebracht und zunächst auf einer Farm gehalten, dann in die Wälder entlassen. Die anhänglichen Tiere kehrten aber immer wieder auf ihre Farm zurück. Ihre Bärentreue nützte ihnen jedoch nichts, man siedelte sie schließlich in ein Gehege beim „Nystuen Hotel“ um – als Attraktion für Gäste. Die Bären taten denn auch ihr Bestes und begrüßten die Besucher bärenfreundlich, indem sie die Ankömmlinge zuweilen in ihre starken Arme schlossen. Das jedoch ging den meisten Leuten zu weit. Weil sich die Bären aber nicht von ihrer zuvorkommenden Haltung abbringen ließen und nicht in ihrem Gehege bleiben wollten, erschoß man 1962 Vater Pekka, sechs Jahre danach Witwe Lisa und kurze Zeit später Bärenkind „Little Pekka“. Wird einem mit dieser traurigen Geschichte vielleicht ein Bär aufgebunden? Ich glaube nicht, schließlich gelten die Norweger als zuverlässig und wahrheitsliebend.

Wir sind im Valdres, genauer gesagt auf dem Fillefjell. Unser Hotel, an der Europastraße E 68 nach Laerdal 972 Meter hoch gelegen, hat eine ehrwürdige Tradition: 1627 als Bergstube und Posthalterei zum erstenmal erwähnt, wurden hier auf dem beschwerlichen Weg von Oslo nach Bergen die Pferde gewechselt. Noch heute ist es ein weiter Weg bis Oslo, ungefähr sechs bis sieben Autostunden. Doch wird einem die Zeit nicht lang auf der Winterreise durch die urtümlichen Regionen Südnorwegens.

Ausgeruht und tatenfroh hatten wir um neun Uhr morgens das Fährschiff verlassen und waren auf der gut geräumten Europastraße E 18 bei Sonnenschein und knallblauem Himmel am nördlichen Ufer des Oslofjords entlang in eine schneeüberstäubte Mittelgebirgslandschaft hineingerollt. Die ländliche Provinz Boskerud zeigt ihre Wohlhabenheit in stattlichen Dörfern mit alten Stein- und Holzkirchen. Adrett weiß stehen sie meist auf einer Anhöhe, pieksen mit ihren spitzen Kirchtürmen, die genau auf der Vierung sitzen, in den Himmel und enttäuschen nur, weil sie – zumindest im Winter – meist verschlossen sind.

Die ständige Begegnung mit dem Wasser, dunkelgrün zwischen Eisschollen im Fjord funkelnd, rasch zwischen vereisten Flußufern rauschend, als gefrorener Wasserfall blau schimmernd, beeindruckt auf jeder Winterreise. Die großen und kleinen Seen aber liegen erstarrt unter einer makellosen Schneedecke, die nur selten von Spuren durchzogen wird. Das ganze Land scheint in Meditation versunken. Nur wenige Autos stören die Stille.

Längst ist die E 18 zur E 68 geworden und mahnt mit einigen vereisten Stellen vor zu schnellem Tempo. Sie führt zwischen zyklopenhaften Felsmassiven durchs enge, wilde Flußtal der Begna. In Fagernes sind wir schon mitten drin im Valdres, dem neben Gudbrandsdal und Hallingdal beliebtesten Wintersportgebiet Norwegens. Wintersport heißt hier vor allen Dingen Langlauf, Skiwandern und Tourenlauf. Die Gelegenheit dazu auf den leicht gewellten Hochflächen, den Fjells, ist unerschöpflich, die Übernachtungsmöglichkeiten reichen vom luxuriösen Hotel über Fellstues (Berggasthöfe), Pensionen bis zu einfachen oder komfortablen Hütten.

Wir haben uns das Fillefjell als Terrain ausgesucht. Die alpinen Bergketten von Jotunheimen sieht man schon nahe und verlockend, doch auf angenehme Weise wirken sie unerreichbar, nicht verpflichtend, als Dekor und Kulisse der sich unendlich dehnenden weißen Weite: Vom Fillefjell als Aussichtsterrasse scheinen die Zacken des 2451 Meter hohen Glittertind, die Zipfelmütze des Falketind, das markante Massiv des Riesen Galdhøppigen und seiner Gefährten sehr real als Zaun, der den Horizont abschließt. Vielleicht residiert dahinter die Schneekönigin.