Von Michael Skasa

Clemens hat die Nase voll von Auguste, seinem „grundbösen Weib“. Schon nach drei, vier Monaten bettstürmenden Gerangels, kaum im Dome kopuliert, will er sie schleunigst loswerden, vor ihr fliehend, nach ihr tretend, sich dabei stets neuerlich verfangend zwischen ihren siebzehnjährigen Beinen: „Auguste ist eine Epilepsie, die ich habe, und die mich plötzlich mitten in jedem gültigen und gleichgültigen Zustande des täglichen Lebens niederwirft.“

Derart niedergeworfen, kopulieren sie japsend, ansatzweise; denn sofort enthüllt sich unsrem Clemens das Satanische des Weibes, wird ihm der Atem der giepernden Räklerin zu Höllenhauch und Schlangenbrut, und er entreißt sich mannhaft: „Diese Bestie ruiniert mich ganz an Leib, Seele und Vermögen. Ich habe sie einigemal mit dem besten Gewissen und kaltem Blut tüchtig durchgeprügelt; denn sie ist ein Hund und ein sehr schlechter böser Hund, sie ist besessen und ich prügle den Teufel mit rechter Lust.“

So steht das in den Briefen Brentanos, etwa diesem da an seinen Schwager Savigny. Und so, noch wüster, nicht minder grotesk, noch armseliger und ebenso erheiternd, lesen sich die übrigen 200 Schreiben, welche zwischen 1807 und 1810 durch Deutschland geschickt wurden in Sachen Clemens und Auguste, getränkt von Verzweiflung, Hohn und Staunen, gierig umschnüffelt von Freunden und mit Ekel und Resignation kommentiert von Verwandten. „Eine solche unglückliche zusammenhängende Geschichte, wovon wir jetzt täglich Zeugen sind, war noch nie in unser Leben gekommen“, entschuldigt sich Jacob Grimm bei Savigny für seine anteilnehmende Klatschneugier: Das da war kein Märlein, hier ging’s um keinen Froschkönig und um kein Dornröschen, hier spielte – in abgründiger Banalität – das Leben seinen Hexentanz, märchenhaft realistisch. Vom Rande des Kraters aber schauten zu und griffen ein: Stiefväter und Muhmen, Eidame, Oheime, Schwäger und Einsiedler, Brüderlein und Schwesterlein, der gute Freund und das Hohe Gericht.

Hans Magnus Enzensberger, der vor 35 Jahren über Brentano promovierte (damals über dessen Poetik), gab 1988 die Briefe und Dokumente jener „Geschichte von Auguste Bußmann und Clemens Brentano“ als Buch heraus unter dem Augustefreundlichen Titel „Requiem für eine romantische Frau“, woraus dann eine Hörspielfassung entstand, und als das Kasseler Theater auf die nicht abwegige Idee kam, diese häufig auch durch Kassel und Umgebung hechelnde Skandalchronik ließe sich gewiß auch szenisch darstellen, bastelten Enzensberger und die Dramaturgen des Hauses eine entsprechende Fassung. Entsprechend – wem und welcher Erwartung?

Enzensberger, in erster Linie kein dramatischer, sondern ein lyrischer und essayistischer Kopf, entsann sich wohl der Wechselgesang-Inszenierungen seines „Untergangs der Titanic“ und schlug vor, die Nebenfiguren (also alle außer dem unselig beseligten Ehepaare) „fungieren als ein Chor mit verteilten Partien, manche Passagen könnten auch als Sprechchor gespielt werden, die Akteure können einander ins Wort fallen, einer den anderen überschreien...“

Das läßt sich vorstellen – angesichts eines Briefereigens aus Ratschlägen, Vorwürfen, Haß- und Liebesrasereien, Gesetzeskommentaren und Scheidungskloppereien üblichster Art – Clemens: „Lasse mir nur die Linnen, die wir in Kassel machen ließen, vom übrigen will ich mich reinhalten.“ Auguste: „Wirf alles zum Fenster hinaus, ich bekümmere mich nicht mehr darum.“ Clemens: „Um das Linnen bitte ich zu meinem Gebrauch, mir es zu senden.“ Auguste: „Von dem Linnen aus Kassel behalte ich sechs Handtücher, ich weiß, daß du sie nicht vermissen wirst.“ Ein Dialog, wie er auch im Drehbuch zu den „Rosenkriegen“ stehen könnte, die derzeit die Kinos mit Gelächter füllen und die so erstaunlich hochgelobt wurden, obwohl nicht mehr als ein überaus banaler Showdown darin vorgeführt wird mit zerbrochenem Porzellan, geschwungenen Kanthaken und verbrannter Erde (und bepißtem Fisch). In etwa die Dramaturgie eines jeden Dick-und-Doof-Films und deshalb auch ähnlich lustig und komisch: Die Ursache – sofern vorhanden – ist nicht wirklich bekannt, die Folgen sind gleichwohl katastrophal.