Von Susanne v. Paczensky

Bamberg

Wenn die Bamberger Bürger Liebeskummer haben, Krach in der Beziehungskiste oder Probleme mit der Familienplanung, dann bleibt ihnen – nach dem Willen der Stadtväter – nur der Gang zum Erzbischöflichen Seelsorgeamt. Hoch oben auf dem Domberg, zwischen den steinernen Monumenten einer tausendjährigen Kirchenherrschaft, zwischen Kapellen, Klöstern, Abteien und Missionsschulen, liegt auch das Franziskanerkloster. Dort wartet der freundliche Josef Motschmann, der eigentlich Religionslehrer an einer Mädchenschule ist, aber halbtags und nach Vereinbarung die Familienberatungsstelle der Erzdiözese betreut. Er zählt sich zu den aufgeklärten Katholiken, distanziert sich von der lebensfernen Sexualmoral des Vatikans und betont auch, daß er nicht den Weisungen des strengen Caritas-Direktors unterworfen sei.

Aber es gibt doch viele, die den steilen Weg in seine Klosterstube scheuen: nicht nur Protestanten und Gottlose, die selbst in Bamberg ein Viertel der Bevölkerung ausmachen. „Der Erzbischof ist im sozialen Bereich der größte Arbeitgeber der Region. Da wendet man sich in Fragen der Sexualität nicht immer gern an eine Abteilung der Erzdiözese.“ Josef Motschmann findet es ganz verständlich, daß manche Bürger ihre Liebes- und Eheprobleme lieber einer neutralen Stelle anvertrauen wollen. Doch den Stadtvätern scheint das unnütz und gefährlich.

Bamberg wird seit jeher vom Domberg beherrscht. Bis zum Beginn des vorigen Jahrhunderts waren die Bürger des „fränkischen Roms“ dem Fürstbischof Untertan. Dann kam die Stadt zu Bayern, der geistliche Herr wurde in den Rang des Erzbischofs erhoben. Stadtverwaltung und Erzdiözese blieben weiterhin eng verbunden. Im prächtigen barocken Rathaus, das von Balthasar Neumann einst als Priesterseminar errichtet wurde, weiß man es sehr zu schätzen, daß fast alle sozialen Einrichtungen von der katholischen Kirche betrieben werden, die nicht unbedingt auf städtische Mittel angewiesen ist. Andersdenkende, die womöglich auch noch in den Stadtsäckel greifen wollen, sind dagegen unbeliebt.

Ein Musterbeispiel: die Pro Familia. Seit zehn Jahren bemüht sie sich vergeblich um öffentliche Anerkennung und um Förderung. Seit Januar 1981 betreibt sie in einer engen Dreizimmerwohnung im Stadtzentrum eine Beratungsstelle für Ehe, Familie, Sexualität und Familienplanung, finanziert durch allerlei Verrenkungen: Spendenaufrufe, Bußgelder, ABM-Stellen und vor allem durch die Gratisarbeit der Mitglieder. Arbeitslose Psychologinnen und Pädagoginnen stellen sich für Beratungen zur Verfügung; Miete und andere Sachkosten werden durch Kursusgebühren von den Besuchern eingebracht, dazu kommen noch die Mitgliedsbeiträge der hundert tapferen Bamberger, die dies wackelige Gebäude immer wieder vor dem Einsturz retten. Doch der Versuch der Stabilisierung durch einen bescheidenen städtischen Zuschuß ist immer wieder gescheitert. Obwohl die Pro Familia auf eine Zulassung zur Schwangerschaftsberatung nach Paragraph 218 wohlweislich verzichtet hat – auf diesem Konfliktfeld ist in Bamberg natürlich die Caritas allein zuständig –, ist sie immer wieder auf die geballte Ablehnung des Stadtrats gestoßen: Es sei kein Bedarf für ihre Beratungstätigkeit. Für Eheprobleme sei das Erzbischöfliche Seelsorgeamt zuständig, bei Verhütungsfragen könne man sich an die Caritas wenden.

In diesem Winter sah es nun endlich so aus, als sei das zehnjährige Patt durchbrochen. Das Land, vertreten durch die Regierung von Oberfranken, kam zu der Erkenntnis, daß in Bamberg Bedarf für eine nichtkirchliche Beratungsstelle bestehe und daß die Pro Familia den fachlichen und organisatorischen Bedingungen entspräche. Es erteilte also die staatliche Anerkennung und zumindest eine halbe Zusage auf Förderung aus Landesmitteln. Bedingung, auch kommunale Stellen sollten sich an der Förderung beteiligen.