Von Reinhard Merkel

Ich mochte was darum geben, genau zu wissen, für wen eigentlich die Taten getan worden sind, von denen man öffentlich sagt, sie waren für das Vaterland getan worden."

Georg Christoph Lichtenberg, 1793

Das ist eine gute Frage, und ihr Verdienst besteht vor allem darin, daß sie seit beinahe zwei Jahrhunderten gewissermaßen lächelnd alle Antworten blamiert. Bis zum Unwohlsein ist uns in den vergangenen Wochen die Fibelweisheit auseinandergesetzt worden, es werde "zusammenwachsen, was zusammengehört". Daß dies nach Lage der Dinge "die deutsche Nation" zu sein habe, daß sie erst (aber auch schon) in einem siamesischen Zwilling aus BRD und DDR ihre "wahre" staatliche Form finde und daß nur und eben dieser Nationalstaat das Selbstbestimmungsrecht "des deutschen Volkes" verwirkliche – all das wird beweislos vorausgesetzt. Als hätten solche Schlagworte noch auf dem Hintergrund einer 200jährigen wüsten Formengeschichte des neuzeitlichen Nationalismus einen guten, ja als hätten sie überhaupt einen faßbaren Sinn.

Die Politik kommt auch am Ende des 20. Jahrhunderts nicht ohne ein Schattenreich chimärischer Symbole aus. Das weiß man und nimmt es nolens volens hin. Loyalitäten lassen sich im demokratischen Verfassungsstaat eben schwer über verordnete Denkzwänge herstellen. Undeutliche und pathosfähige Begriffe wie der der Nation erfüllen diese Aufgabe reibungsloser, staatsferner, nachhaltiger: über eine allgemeine, sozusagen vegetativ grassierende Affektsteuerung.

Das ist ein altes Lied. Erstaunlich ist aber die Bereitwilligkeit, mit der den politischen Kalkülen um "die Nation" seit einigen Wochen die Kulturphrase beispringt. Es gibt vermutlich eine Reihe handfester ökonomischer, ökologischer und sonstiger Argumente für die Wiedervereinigung. Nur just "die deutsche Nationalidee" gehört nicht dazu. Es wäre eine plausiblere Aufgabe für Intellektuelle, sich öffentlich mit den Abschüssigkeiten der wiederbelebten nationalpolitischen Semantik zu befassen, als ihr mit abgehausten Geschichtsmythen zu sekundieren.

Schon 1979, und ausgerechnet in den von Habermas herausgegebenen "Stichworten zur geistigen Situation der Zeit’", war Martin Walsers erster Klagelaut über die geteilte Nation hörbar geworden. Das von der Teilung "verfügte Geschichtsdefizit" müsse die Gesellschaft "irgendwann unfähig machen, einer Generation nach der anderen die selbstverständliche Identität zu fundieren". Da war es wieder, steinalt und ewig jung, in seiner ganzen spekulativen Unfaßbarkeit aus wissenschaftlichem Tonfall, Pseudo-Empirie und Beschwörung: das Argument, eine "Fundierung" der persönlichen Identität des Menschen könne nur in seiner "nationalen Identität" gelingen. Zwar ist es andererseits noch niemandem gelungen, auch nur den Sinn dieser Behauptung aufzuklären, von ihrer Richtigkeit nicht zu reden, aber das hat ihre vitale Konjunktur während der achtziger Jahre nicht gehindert. Vom linken bis zum äußersten rechten Rand der Politik erklang plötzlich ein spukhaft konsonanter Chorus mysticus des neuen Nationalgefühls. Und, sagt Goethes Mephisto, wo Gespenster Platz genommen, ist auch der Philosoph willkommen: "Der nationale Imperativ", das weiß der Bochumer Philosophieprofessor Bernard Willms, "ist kategorisch." Die Dummheit, wir fühlen uns erinnert, auch.