Die Diskussion um die Einheit muß entgiftet werden

Von Jürgen Schmude

Bildkräftige Schlagworte, mit denen sich Menschen charakterisieren und abstempeln lassen, verleiten zu ausgiebiger Anwendung. Beim Wendehals, der mit dem politischen Umsturz in der DDR in den Blick geraten ist, kann man es wieder erleben. Allenthalben wird jetzt diese Sorte Mensch ausgemacht, in deren Kopf die alten boshaften Gedanken unverändert vermutet werden, während der Hals eine neue Richtung vortäuscht. Und wo die Wendehälse nicht ohne weiteres auszumachen sind, werden sie gesucht. Und schnell abgestempelt; denn der unfreundliche Titel, einmal verliehen, sitzt. Wie beim Fangspiel unter Kindern ist Wiederschlag in gleicher Weise nicht zulässig. Man kennt das noch vom zeitweise reichlichen Gebrauch des Vorwurfs, jemand sei ein Faschist.

Gewiß hat der Volksmund in der DDR den „Wendehals“ treffsicher formuliert. Und da ist es kein Wunder, daß auch in der Bundesrepublik versucht wird, die politische Auseinandersetzung mit diesem trefflichen – und treffenden – Instrument anzureichern. Die CDU/CSU-Bundestagsfraktion will mit einer Dokumentation gleich eine ganze Wendehals-Partei aufgestöbert haben: die SPD.

Die öffentliche Resonanz solcher Vorwürfe ist schwach, und das mit Recht. Zu verbreitet ist das Gefühl, daß sich mit schlichten Formeln nicht einfangen und abqualifizieren läßt, was in der Konsequenz revolutionärer Ereignisse neu gesagt und getan wird. Knapp ein halbes Jahr liegt die Wende in der DDR zurück. Die Entwicklung seither ist in mancher Hinsicht überraschend verlaufen. Die eigentliche Überraschung aber war die Wende selbst. Niemand hat erwartet oder gar vorhergesehen, daß – ohne Blutvergießen oder sonstige Gewalt – das SED-Regime vom Volk in einem Akt machtvollen Aufbegehrens beiseite geschoben werden würde.

Da braucht man nicht nur auf die ausdrücklichen Bekundungen des Staunens, der Verblüffung und auch der Ratlosigkeit über die neue Lage abzustellen. Noch eindeutiger nämlich ist, daß bisher niemand auch nur geltend macht, er habe diesen Wandel vorhergesehen. Konzepte, Prognosen und Spekulationen über den Weg der DDR gibt es aus der Zeit vor dem Herbst 1989 in großer Menge. Ein Szenario, das den Abläufen des Oktober und November 1989 in der DDR auch nur ungefähr entspricht, sucht man vergeblich. Übrigens nicht nur in der Bundesrepublik; auch in der DDR, einschließlich der aktiven Kräfte des Oppositionslagers, hat niemand mit diesem Sieg des Volkes über die Machthaber gerechnet. Darum auch die weitverbreitete Unschlüssigkeit nach dem Durchbruch und die allenthalben geäußerten Bitten um Zeit zum Nachdenken.

Daß das weiche Wasser diesmal den Stein nicht nur höhlte, sondern wegschwemmte, hat ungläubiges Staunen und zeitweilige Sprachlosigkeit ausgelöst. Ebenso unerwartet hat sich auch eine wichtige politische Konsequenz eingestellt; die staatliche Einheit Deutschlands ist möglich geworden. Alles treibt auf sie zu.