Montag, 12. März, 22.10 Uhr: „Deutschland – wo liegt es?“

Deutsch“ ist ein Sammelbegriff; es gab nie ein Stammesvolk wie die Franken in Frankreich, die Angeln in England, sondern nur ein Konglomerat von Stämmen, die sich von ihren Nachbarn abgrenzen wollten. „Deutsch“ bezeichnet also einen Mangel und zugleich den Versuch, ihn zu beheben: ein Ganzes, ein Eigenes, ein Festumgrenztes zu werden.

Deutschland ist den Deutschen also alles andere als selbstverständlich, stets war es ihnen etwas, das erkämpft, das geglaubt werden mußte, anstatt schlicht ein Name für eine angestammte Landschaft und Lebensart zu sein. Wer das Wort heute gebraucht – und es wird ja momentan sehr häufig gebraucht –, muß mit Mißverständnissen rechnen, mehr: Er kann nicht damit rechnen, daß dieses Wort allgemeinverständlich sei. Noch nicht mal über dieses Minimum, die Grenzen, in denen Deutschland liegt, und wer zum deutschen Volk zu zählen sei, ist man sich einig, geschweige denn darüber, was Deutschsein bedeutet. Hannes Heer hat ein paar geschichtsträchtige Landschaften abgegrast, Frankenhausen, Potsdam, Weimar, Heidelberg, Straßburg, Frankfurt am Main, und er hat die Rügener Fischer, die Frankfurter Banker und Leipziger Demonstranten befragt, worauf sie stolz seien, wofür sie sich schämten, weil sie diesem Volk angehören. Stolz ist man überall auf Goethe und „die Kultur überhaupt“, auf „die deutschen Dichter“ speziell. Aber: Wie deutsch ist Goethe, sind Deutschlands Dichter, und wie viele von denen, die sich auf sie berufen, kennen auch etwas von ihnen? Ein Banker ist stolz auf deutsche Produkte, die sich auf dem Weltmarkt durchgesetzt haben, die für Deutschland gesiegt haben in der Fremde; besonders stolz ist er auf deutsche Automobile und nennt zwei Marken mit Blick in die Kamera. Ein Unteroffizier der NVA redet vom Stolz auf die gemeinsame deutsche Geschichte – dafür wäre er vor einem halben Jahr in die Strafkompanie gegangen –, und sein uniformierter Tischnachbar guckt ihn so ungläubig an, als wolle er im nächsten Moment in Gelächter ausbrechen ...

Die Deutschen als ein Volk der Hofschranzen und Leibeigenen, die Fürstenhöfe mit ihren Theaterchen und engen Parks – „etwas davon muß noch in uns sein“, kommentiert der Filmautor. Das Hofschranzengemüt auch bei dem jungen Unteroffizier, der so rasch die neue Lesart des Deutschseins begriffen hat und der mit seiner eilfertigen Erklärung gegen alles, was ihm bisher beigebracht wurde, ja nur beweist, wie wenig bindend all dies war.

Was aber könnte für ihn, für seine Generation bindend sein? Was könnte ihn stolz machen „dazuzugehören“, welche Gemeinschaft, welches „Wir“ könnte die Kräfte dieses jungen Mannes so herausfordern, daß er sein Bestes gibt und sein Leben ihm groß wird? Der Traum von einem Automobil jener Marke, deren Namen der Frankfurter Banker nicht ohne Grund so deutlich aussprach?

„Deutschland, einig Vaterland“ – der Ruf der Leipziger Demonstranten ist ein Zitat aus der DDR-Nationalhymne. Wer weiß, was ihr Dichter, Johannes R. Becher, sich nach dem Krieg als „Deutschland“ erträumte, wer weiß, was sich die Leipziger dabei denken? Gewiß etwas ganz anderes. Man kann das Wort stundenlang diskutieren, aber man kann es nicht mehr oder noch nicht gebrauchen – jedenfalls nicht in D. Martin Ahrends