Presse, Rundfunk und Fernsehen haben in den letzten Wochen ausführlich und genüßlich über die „marode DDR-Wirtschaft“ berichtet, über stinkende Fabriken und verkommene Landschaften, über schrottreife Autos und schlechte Straßen, über umweltbelastete Regionen und verfallene Städte. Man konnte den Eindruck gewinnen, die ehemals Regierenden hätten gehaust wie in Feindesland. Aber das ist noch nicht das Schlimmste. Claus B. Schröder weiß in seinem Briefroman von deformierten Menschen zu berichten, von verfallenen Beziehungen und erkalteten Gefühlen, vom völlig verrohten Umgang miteinander, der sich nicht in Prügelorgien äußert, sondern in der alltäglichen Rücksichtslosigkeit, der Ausgrenzung Andersdenkender und Anderslebender. Die Okkupation des gesellschaftlichen Lebens durch den Apparat der Partei, die immer recht hatte, richtete Verheerungen im Inneren der Menschen an. Schröder zeigt sie; unnachsichtig gegenüber seiner Mitwelt, schonungslos gegen sich selbst.

Oder sitzt man da einer Verwechselung von Ich-Erzähler und Erzähler-Ich auf? „Alles ist frei erfunden – im Augenblick der Erinnerung“, heißt es am Schluß. Die ungefügte Form des Briefromans scheint die Differenz zwischen den beiden Ichs verwischen zu wollen. Schröder konnte oder wollte seine Ansichten nicht in Fabel und Handlung strukturieren. Die Augenblicke der Erinnerung wachsen sich so zu einer Qualle von 360 Seiten aus, einer Feuerqualle indes, die nicht nur keinen Genuß verschafft, nicht bloß unangenehm ist, sondern schmerzhafte Verbrennungen verursacht, sobald man mit ihr in Berührung kommt.

Ein Mann von fünfzig Jahren schreibt Briefe an seine inzwischen erwachsene Tochter, er resümiert seine erste Ehe, ihr Scheitern, vergleicht sie mit seiner zweiten, in der sich zwanzig Jahre später alles zu wiederholen scheint. Auch die Tochter ist gerade dabei, das Scheitern ihrer Ehe zu erfahren. Die Frauen kommen nicht gut weg in diesen Erinnerungen. Selbstgerechtigkeit sollte nicht am Platze sein; dennoch ist der Ich-Erzähler nicht frei davon, nicht frei auch von der Koketterie mit dem Anderssein: „Ich bin kaum verwendungsfähig. Mit mir kann man nur schlecht etwas anfangen.“

Unter der Hand entsteht eine Familiengeschichte, die danach fragt: „Warum ist es so geworden?“ Schröders Schreiben ist Widerstand gegen ein „Das ist eben so“, gegen ein „Du mußt!“, denn zwischen diesen Polen spielt sich die erinnerte Familiengeschichte ab. Die unselige Triade Untertanengeist, Anpassung, Unterdrückung, die jeden zum Feldwebel macht und – schlimmer noch – in jedem den Wunsch weckt, einer zu werden, hat tief in die Geschichte zurückreichende Wurzeln. Sie ist Ausdruck einer Lebenshaltung, die sich seit Kaiser/Ebert/Hindenburg und Hitler/Ulbricht/Honecker nur unwesentlich zu modifizieren brauchte, um gesellschaftlich zu überdauern. Von seinem Vater weiß der Erzähler, daß er „kein Nazi und kein geborener Soldat“ war. „Erschreckend daran war für mich später, daß er es nicht einmal sein mußte, um es sein zu können.“ Das Erschrecken vor einem Lesebuchgedicht von 1980, das mit den Versen endet: „denn wer nicht gehorchen kann, / wird auch nie ein ganzer Mann“. Das Erschrecken angesichts des naßforschen Tons, mit dem seine damalige Frau das Ende des Prager Frühlings begrüßt. Das Erschrecken, wenn der Name Biermann fiel. Man mußte kein geborener Stalinist sein, um einer sein zu können.

„In Deinem Alter, mit zwanzig Jahren, da sind die Dinge noch die Dinge. Da ist man froh, von sich selbst zu glauben, man sei Realist“, schreibt der Mann seiner Tochter, die sich ihr einförmiggleichgültiges Leben („Das ist eben so“) mit keinerlei Idealen mehr beschwert. Heiner Müller sagte in seiner Mühlheimer Rede: „Am Verschwinden des Menschen arbeiten viele der besten Gehirne und riesige Industrien. Der Konsum ist die Einübung der Massen in diesen Vorgang, jede Ware eine Waffe, jeder Supermarkt ein Trainingscamp. Das erhellt die Notwendigkeit der Kunst als Mittel, die Wirklichkeit unmöglich zu machen.“ Ein Motiv für Schröders Widerstand? Vielleicht würde er, schriebe er das Buch jetzt neu, die Befürchtung artikulieren, den von Faschismus und Stalinismus ausgehöhlten Menschen drohe nun Schlimmeres, als sie schon hinter sich haben: der gnadenlose wirtschaftliche Aufschwung, der die innere Leere mit lauter buntem Ersatz ausgießt. Wenn Historiker eines Tages die Belletristik durchmustern, um zu erforschen, was die DDR eigentlich war, sollten sie Claus B. Schröders unschöne Befunde ihrer Krankheit zum Tode aufmerksam studieren. Thomas Wieke

  • Claus B. Schröder:

An J. – Briefe ohne Umschlag

Mitteldeutscher Verlag, Halle/Leipzig 1989; 366 S., 12,– Mark (Ost)