Von Werner Liersch\

Im Sommer bin ich manchmal an einem Ort in der Umgebung Berlins, den nicht, wie hier üblich, Kiefernwälder und Felder flach in die Mitte nehmen, er schaut auf einer sandigen Anhöhe etwas heraus: ein märkischer Berg. Nach Süden schließt ein anderer Höhenrücken den Horizont. Nicht sehr weit. Unser Land ist klein. Am Fuße des Höhenrückens stehen Schilder: Militärisches Sperrgebiet. Zur Horizonterweiterung bin ich zwei-, dreimal mit einem Nachbarn nach oben gegangen. Der Blick war überraschend. Zu unseren Füßen ein Steilabfall, und vor uns eine weite schweigende Ebene, und an ihrem Rand andere Wälder. Sie sind hier beinahe alle gleich alt. Fünfundvierzig sind darin die Reste einer Armee untergegangen. Die brennenden Wälder haben die toten Deutschen und die toten Russen verbrannt. Da oben saßen wir und dachten, daß unser Land so klein gar nicht sei und wir gern da hinunter und an den nächsten Horizont mit der Kinderneugier älter werdender Männer gehen würden. Jetzt waren wir wieder oben, und wir sagten uns, nun müßte man den Weg gehen können, die Soldaten kommen fort, wie lang ist der Augenblick unserer Wünsche, wieviel Zeit haben wir, es könnte die Frage der Stunde sein oder auch nur die Frage von zwei Männern in die Fünfzig hinein, die manchmal etwas schreiben. Wieviel Zeit haben wir?

Die Ereignisse überholen die Ereignisse. Ein Tag stürzt den anderen, und die Tage stürzen in Unsicherheit oder Euphorie. Währungsunion – ja, nein. Schnell, langsam. Das Thema dieses Tages. Autoren datieren vorsichtshalber ihre Manuskripte. Es ist der 7. Februar 1990. „Es ist Berlin, Georgenkirchstraße, dritter Hinterhof, vier Treppen, Juli 1923, der Dollar steht jetzt – um 6 Uhr morgens – vorläufig noch auf 414 Tausend Mark.“ Falladas Inflationsroman beginnt so. Nachmittags kann alles anders sein. Es ist der 8. Februar 1990. Die Sonderleistungen für DDR-Übersiedler bleiben bestehen. Die Bundesregierung ist wegen der zunehmenden Destabilisierung der DDR zu unverzüglichen Verhandlungen über die Währungsunion bereit. Bundesbankpräsident Pöhl sagt, man kann in dieser Angelegenheit nicht krämerisch sein, Präsident Pöhl hat am Vormittag die schnelle Währungsunion als illusorisch bezeichnet. Zeit ist Geld. Das Roulette dreht sich. Geld ist Zeit. Geldzeit. Rot oder Schwarz?

Vor drei Wochen habe ich mich darauf eingelassen, etwas über DDR-Literatur zu schreiben. Worauf hatte ich mich eingelassen? Im vorigen Jahr habe ich mir drei Monate Zeit für ein Essay genommen, in dem der Satz vorkommt „Der Tagtraum, die Welt müsse moralisch beschaffen sein, gehört zu den Vorzügen des einfachen Mannes. Die Differenz wird gelegentlich Politik genannt“. Ich werde kaum noch Essayzeit haben und vielleicht auch nicht mehr Erzählzeit wie für diesen kleinen Roman, den ich atemlos im November zu Ende gebracht habe und der „Eine schöne Liebe“ heißen soll, oder den andren, wo der Herr Goethe ruhig einer Tötung zusieht – gerade hatte ich mit den Romanen angefangen, ein Mann in die Fünfzig hinein, wo ich doch damit nicht angefangen hatte als ein Mann kaum Dreißig, damals 1961 nach dem August.

Wir wußten, es würde kommen. Im Juli brachte ich Mister Motro zum Flughafen Tempelhof. Mister Motro hatte ich in Bulgarien kennengelernt, als er krank in dem Hotelzimmer am Meer neben mir lag. Mister Motro war ein türkischer Amerikaner. Wir gingen an einer langen Schlange von Menschen vorbei, die darauf warteten, ausgeflogen zu werden, und Mister Motro sagte, o Boy. Es waren damals an einem Tag so viele wie heute an einem Tag. Als die Mauer kam, merkten wir, was wir uns vorgestellt hatten, war nicht, was wir uns hatten vorstellen können. In unserer Nähe erschoß ein Mann in Kampfgruppenuniform einen anderen Mann, der durch den Teltowkanal schwamm. Wir hörten es in den Nachrichten. Wir hörten auch beim Mittagessen Nachrichten. Lisa war Lehrerin, und es waren Ferien, und Lisa war zu Hause. Warum weint die Mama? sagte das Kind, das damals vier Jahre alt war. Lisa sollte ihren Kindern in der Schule erklären, daß die Mauer gut sei. Nein, das nicht, sagten wir, und Lisa war ein paar Jahre keine Lehrerin, und ich versuchte, eine Familie zu ernähren, aber das allein war es nicht, warum ich mit Dreißig nicht anfing, was ich mit Fünfzig versuchte. Die Literatur des kleinen Landes war auf den „Bitterfelder Weg“ geschickt worden.

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Die Literatur des kleinen Landes sollte seinen Bewohnern schreiben, was sie nicht erlebten. „Heute sind die Menschen dem Wirken von Widersprüchen nicht ausgeliefert, sondern meistern und lösen sie immer besser, und darauf kommt es an. Sie sind beherrscht von Natur und Gesellschaft“, sagte Ulbricht 1964, und er redete dreißig Jahre nach Shdanow wie Stalins Mann für die Kunst, der den sowjetischen Schriftstellern auf ihrer 1. Allunionskonferenz 1934 mitgeteilt hatte, daß die „sozialistische Lebensform“ im Lande „unwiderruflich und endgültig“ gesiegt habe, nur daß Ulbricht 1964 wegließ, daß dies „unter Leitung der genialen Führung unseres großen Lehrers, des Genossen Stalin“, geschehen sei. Ulbricht ließ den Charakter des Sieges weg.