Der Kanzler und die polnische Grenzfrage: Die Geschichte eines Eiertanzes

Von Gunter Hofmann

Bonn, im März

Redlich, offen und ehrlich – so gedachte Helmut Kohl zu erklären, warum er in der Diskussion über die polnische Westgrenze sogar noch draufgesattelt hat. Ihre Garantie wollte der Kanzler an die Bedingung knüpfen, Polen solle auf Reparationsforderungen vertraglich verzichten und Minderheitsrechte bekräftigen.

Aber auch das gilt schon nicht mehr. Kohl, Hans-Dietrich Genscher, die Union und die FDP haben sich im Polen-Streit am Dienstag, wieder einmal in letzter Sekunde, geeinigt. Alles Mißverständnisse, druckst Kohl herum.

Ein denkwürdiges, auch bedrückendes Bild hatte der Kanzler am Montag geboten, als er im Adenauer-Haus seine neue Variante zur Grenzfrage interpretierte. Auf die Idee dazu war er gekommen, nachdem der französische Außenminister Dumas ihn öffentlich der Unvernunft bezichtigt hatte, weil Kohl nicht bereit sei, entsprechend dem polnischen Wunsch noch vor einer deutschen Vereinigung die Dauerhaftigkeit der Westgrenze unzweifelhaft zu bestätigen.

Aber Kohl verrannte sich, als würde Polen für ihn zur fixen Idee. Ganz allein, ohne Berater und Zuflüsterer, saß er vor den Journalisten in der Parteizentrale. Auf jede Frage mußte er selber die Antwort suchen. Keiner ließ sich blicken aus dem Präsidium seiner Partei.