Wenngleich sich das Ohr ein bißchen straubt: kein Zweifel, daß da ein Gitarrist am Werk ist. Er heißt Hans Reichel. Man kennt seine unbändige Entdeckerlust schon lange, seine musikalische Neugier, man hat erfahren, daß er Gitarren umzubauen liebt, ihnen manchmal befremdlich klingende Saiten aufzieht, daß er eine andere (sofern man sie noch Gitarre nennen kann) so gebaut hat, wie es ihm ein besonders schönes, kostbares Stuck Holz nahegelegt hat, das er in einem japanischen Warenhaus entdeckt hatte. Ein Ast darin sah aus wie ein Dachskopf, und so wurde daraus ein Daxophon. Das rote Holz schmückt nun auch die Titel seiner beiden neuen Platten, und so gab er der einen auch den (offenbar japanischen) Namen des Holzes-"Coco Bolo Nights" Hans Reichel ist ein unermüdlicher Klangprobierer – und ein Musikant, wie bizarr und wie fremd, wie "anders" seine Musik auch ist, die er auf seinen Zupfinstrumenten macht, der er nachgrübelt, nachhorcht. Will man sie beschreiben, entwindet sie sich und laßt nur unbefriedigend analogisierende Metaphern zuruck.

Also: Mal erinnert diese Musik an Geräusche aus einem Eisen verarbeitenden Betrieb, als schlage jemand auf Metall, schmirgelte Rohren, hämmerte am Amboß, triebe mit steifen Drahten seltsame Spiele. Mal klingt es auf verstimmte Weise hohl und rostig, selbst Wärmeempfindungen stellen sich ein. Dann, auf einmal, schnurrt ein blechernes Flageolett vorbei, platzt eine Tonkaskade auseinander; es klimpert spitz, es rollt sonor, Tone toben, Tone scheuen, Glissandi seufzen, Klange verhaspeln sich in seltsamen Rhythmen. Wieder ein andermal denkt man an einen wilden Glockner, der beim Lauten ins Tanzen gerat. Man glaubt auch Steeldrums zu hören, fühlt sich an indische, japanische, europäische Zupfinstrumente erinnert.

Spater liest man im Beiheft die überraschende Anmerkung, "die Titel 1 bis 5 und 13 bis 17 korrespondieren übrigens spiegelverkehrt miteinander", und erfahrt auf diese Weise, was sich so leicht uberhort daß es, bei aller Improvisation, eine Ordnung in diesen Stucken gibt. Und wenn man auch die andere Platte gehört hat – "Angel Carver", auf der Hans Reichel zusammen mit dem Cellisten und Cellodax-Spieler Tom Cora vier lange Stucke vortragt –, dann mochte man von einer anarchischen Schönheit sprechen. Allerdings bleibt der Musiker Reichel bisweilen hinter dem Bastler Reichel zuruck, die Musik wird manieristisch, ihre Machart wichtiger als ihre ästhetische Botschaft. Dann erlahmt die Neugier, und es gelingt dem Gitarristen nicht immer, den abschweifenden Hörer in seine eigenartige Musikwelt zurückzuholen. Einganglich ist diese Musik ganz gewiß nicht – sie verlangt Hor-Arbeit.

Etwas, das man sich bei dem Gitarristen Heiner Franz nun wirklich nicht auferlegen muß. Es ist Gitarrenjazz der klassischen Art, gestutzt von Kontrabaß (Thomas Kirsch) und Schlagzeug (Uwe Heitz). Man hört Stucke von Gillespie, Miles Davis, Billy Strayhorn, von A.C. Jobim und Gershwin, eine in Soli aufgelöste, noch in ihren bewegten Partien sanfte, leichtfußige, schwingende, wohlklingende Bar-Musik. Ihr Titel: "Gouache".

Da ist es verlockend, auf einen anderen Gitarristen von ganz anderer Art hinzuweisen, einen, der schon viele Jahre lang durch die Lande zieht und allein in den letzten Jahren an die 200 Konzerte gegeben hat – ohne wirklich "bekannt" geworden zu sein: José Rogerio, einen Musiker von außerordentlicher Begabung Sie gibt sich teils in seinen Kompositionen, teils in seinem klassisch trainierten, seinem klaren, vielstimmigen, an Klangfarben erstaunlich reichen Spiel zu erkennen Seine Stucke sind mit dramatischem Geschick gebaut, kontrastreich in Klang, Bewegung und Temperament. Manche, glaubt man, erzählen Geschichten, oft mit orchestraler Leidenschaft, manche erzeugen Bilder (womöglich die falschen), andere wirken wie philosophische Erörterungen Über allen, auch den heiteren, scheint ein Schleier von Melancholie zu liegen, und alle sind unuberhorbar brasilianischen Charakters. Die Faszination ist am stärksten bei seiner Schallplatte "artesama acüstica"; am vielfaltigsten sind "improviso" 1 und 2, am einganglichsten ist seine Debut-Schallplatte "paitio interior" – auf dem Plattentitel sieht man übrigens ein rissiges, mit Asten durchsetztes Stuck Holz, ganz gewiß nicht Rio-Palisander (oder Coco Bolo), sondern eher Pinie.

Gitarrenmusik macht manche Leute, wie man weiß, auf ähnliche Weise wie Barockmusik suchtig, das heißt, sie erfreuen sich am Geplatscher und bemerken die Musik erst wieder, wenn sie aufgehört hat Deswegen empfiehlt sich ein Hinweis auf einen sogenannten Sampler, in diesem Fall auf das Sammelkonzert eines halben Dutzends (und mehr) Gitarristen, die ihrem Instrument sehr verschiedene Arten von Musik abgewinnen (Frittel, Sanger, Ferreira, Mennen, Speerwachter, Graf-Martinez und andere). Es ist eine abwechslungsreiche, spannende Veranstaltung, zugleich ein Hinweis auf lauter sehr verschiedene Talente: "Finger Prints" genannt.

  • Hans Reichel: "Coco Bolo Nights"; FMP CD 10