Am Anfang zieht eine Industriestadt vorbei. Hallen und Schlote, Häuser aus Beton, Hallen, Häuser, Schlote. Im Presseheft zu "Kleine Vera" steht, die Stadt heiße Schdanow und liege am Asowschen Meer. (Das Asowsche Meer, im Norden vom ukrainischen Festland, im Süden von der Halbinsel Krim begrenzt, ist ein Teil des Schwarzen Meeres.) Aber das sieht man nicht. Die Stadt bleibt irgendeine und das Meer ein ungewisses.

Im Amerikanischen nennt man das einen establishing shot. Aber hier ist es keiner, denn der Schwenk über das Stadtpanorama etabliert nichts. Im Gegenteil, er macht das zuschauende Auge erst recht ortlos. Zuerst ist es Nacht, man hört Wellenschlagen, dann ein grauer Morgen, später ein sonniger Tag. Waggons rollen über ein Gleis, ein Lastwagen biegt um die Ecke, ein Mädchen stützt die Arme aufs Balkongeländer. Das alles unverbunden, wie aufgesammelt. Der Film setzt immer wieder neu an, wie um zu sagen: Schaut mal, was ich gefunden habe.

Die Personen in Wassilij Pitschuls Film heißen Vera, Sergej, Andrej und Viktor, der Vater heißt Kolja, die Mutter bleibt namenlos. Vera hat die Schule beendet, sie soll Telephonistin werden. Sergej ist Student, Andrej wird zur Marine eingezogen. Veras Bruder Viktor ist Arzt in Moskau. Veras Vater ist Lastwagenfahrer, ihre Mutter arbeitet in einer Kleiderfabrik. Langsam paßt alles zusammen, aber es fügt sich nicht. Bis zum Schluß beinahe scheint es, als wisse der Regisseur selber nicht, wie seine Geschichte ausgeht.

Der Film handelt von Momenten, die in kein Konzept passen und in keinen Bericht. "Alle diese Augenblicke", sagte einmal ein Sterbender in einem amerikanischen Science-fiction-Film, "werden verloren sein in der Zeit wie Tränen im Regen." Augenblicke am Fluß, am Strand, in einem Zimmer in der Stadt. "Kleine Vera", das ist das Gegenbild des großen sozialistischen Kinos, das mit seinen Figuren Sinn produziert wie mit Milchkühen Milch.

Vera flieht aus der engen Wohnung der Eltern in einen Park. Abends gibt es dort Rockmusik und Tanz. Bei einer Schlägerei tritt Vera einen Polizisten zwischen die Beine. Sie lernt Sergej kennen und verbringt die Nacht mit ihm. Andrej, ein Klassenkamerad, ist unglücklich in Vera verliebt und springt aus Verzweiflung in den Fluß. Klatschnaß klettert er an Land, während Vera singend davonläuft. Tage später liegt sie mit Sergej auf einem Badetuch in der Sonne. Ob sie ein Ziel im Leben habe, fragt er sie. "Wir alle, Serjuscha", antwortet Vera, "haben nur ein Ziel: den Kommunismus" Sie sagt es mit verstellter Stimme. Also Pein Ziel.

Eine tiefe Unschuld iegt über allem, was geschieht. Niemand ist hier gut oder böse, auch die Polizei nicht und nicht der Staat. Der Film könnte überall spielen, wo es so ist wie in Schdanow, und in jedem Land, das der Sowjetunion gleicht. Die Verhältnisse bringen keinen Sinn hervor, sondern nur Handlungen, Lebensläufe, schuldloses Schicksal. Andrej zum Beispiel wird Soldat, und auf dem ersten Heimurlaub versucht er, Vera zu vergewaltigen. Das ist der sichtbare Erfolg der militärischen Erziehung. Oder man erfährt, daß Veras Mutter ihre Tochter nur deshalb ausgetragen hat, damit die Familie eine größere Wohnung bekam. So einfach sind die Tatsachen des Lebens, so fern von Moral und Ideologie.

Vera erzählt ihren Eltern, sie sei schwanger. Sergej zieht zu Vera in die Wohnung. Eine Beamtin sagt: "Der Tag ihrer Trauung ist der 27. Oktober, 12 Uhr." Sergej ist "verwestlicht"; beim Essen mit Veras Eltern benutzt er das Wort "Bouquet". Sergej und Veras Vater streiten sich. Der Ältere stich: dem Jungen ein Messer in den Bauch. Sergej liegt im Krankenhaus, Vera muß bei der Polizei eine Aussage machen. Sie lügt, damit ihr Vater nicht ins Gefängnis kommt. Viktor, der Arzt, gibt Vera ein Beruhigungsmittel. Sie versucht sich mit den Tabletten umzubringen. Viktor und Sergej finden das Mädchen, und Vera überlebt.