Es muß Fritz Rudolf Fries so zugesetzt haben, in der Verfilmung seines Romans „Das Luftschiff“ die von ihm geschaffene Stannebein-Familie leibhaftig auferstehen zu sehen, daß er diesen bisher wohl wichtigsten seiner Romane gleich noch einmal schrieb, das Füllhorn seiner Einfälle und Visionen über das bereits bekannte Figurenensemble ausschüttete, dabei aber keine Nachbildung des „Luftschiffs“ vorlegte, sondern etwas bemerkenswert Neues, wobei die Schauplätze dem Leser vertraut sind. Wieder geht es auf nach Spanien, nach Bilbao, wo Fries 1935 geboren wurde: in der kleinen Kolonie dort ansässiger deutscher Geschäftsleute. Dorthin hat es Anfang dieses Jahrhunderts auch den jugendlichen Aufsteiger Franz Xaver Stannebein verschlagen, der nach anfänglichen Erfolgen die inzwischen weitverzweigte Familie ruinierte, weil sein Luftschiff, das nach dem Prinzip der Windmühle funktionieren sollte, niemals in die Luft stieg, sondern wertlose Konstruktion auf dem Papier blieb. Als die Stannebein-Sippe „heim ins Reich“ geholt wurde, zurück in die von anglo-amerikanischen Bombern verdunkelte Industriemetropole Leipzig, schlug die Stunde der Frauen aus dem Stannebein-Clan, denn Familiengründer Franz Xaver, inzwischen Großvater, wurde bald in die Irrenanstalt Dösen eingeliefert, und die Schwiegersöhne verschwanden an die Fronten und in die Etappen der faschistischen deutschen Wehrmacht. So schaffen sich die spanische Ehefrau Stannebeins, Doña Matilde, und ihre drei Töchter Teresa, Polonia und Flora eine eigene kleine Welt zwischen Luftschutzkellern und Wohnküchen. Sie leben von Feldpostbriefen und Fronturlauben ihrer Männer, von Ersatzbrotaufstrichen genauso wie von Ufa-Schlagern. Und es wächst Chico heran, Stannebeins Enkel und identisch mit dem Ich-Erzähler, den Fries dann, der eigenen Biographie folgend, in Leipzig Oberschule und Universität absolvieren läßt, ehe er der Romancier wird, dessen Romanwerk gerade zu Beginn des Handlungsbogens von der staatlichen Filmgesellschaft die komplikationsreiche szenische Umsetzung erfährt.

Eigentlich sollte man es unterlassen, bei diesem Roman eine Fabel skizzieren zu wollen, weil er fast überquillt von Geschichten und Gesichten, von Träumen und Reflexionen, die das Lesen zu einem trancehaften, traumwandlerischen Gang durch dieses Jahrhundert machen. Aus ungewohnter Perspektive betrachtet werden Spanienkrieg, Alltagsleben in Hitler-Deutschland, die DDR vor und nach Stalins Tod, die fünfziger Jahre in Leipzig und sein besonderer sächsisch-proletarischer Charme, die Gegenwart des Erzählers in seinem jugendstiligen Haus am Rande Berlins. In den erinnerungsträchtigen Räumen dieses Hauses wird zu Beginn des Buches der Roman „Das Luftschiff“ verfilmt. Der Ich-Erzähler hat in Hiob, dem Dramaturgen und ideellen Faktotum der Filmgesellschaft, seinen Mephisto gefunden. Wie Pingpongspieler werfen sich die beiden Erinnerungen, Aperçus, philosophische Exkursionen, Halbwahrheiten, Assoziationen und Geschichtsanfänge zu, die sie gleichsam wie Jazzvariationen ins Unendliche forttreiben oder auch einfach verebben lassen, wenn die Gedanken ins Leere führen.

Fritz Rudolf Fries ist ganz auf der Höhe erzählerischer Meisterschaft angelangt. Seine Vorbilder des deutschen und spanischen Schelmenromans hat er nicht nur verinnerlicht, sondern genutzt, um eine eigene, im deutschen Sprachraum unverwechselbare Handschrift zu erlangen. Natürlich hatte ich mich schon vor dem Lesen des Romans unwillkürlich gefragt: Ist der Erzähler Fritz Rudolf Fries nun auch zwangsläufig zwischen die Stühle der Geschichte geraten? Lassen die atemberaubend schnell wechselnden Metamorphosen der DDR überhaupt noch ein amüsant-witzig-ironisches Räsonieren zu? Darin bestand ja gerade das Markenzeichen Friesscher Erzählweise: das Eigentliche auszusparen und doch den Finger auf die eiternden Wunden einer todkranken Gesellschaft zu legen. Welchen ideellen Anteil die DDR-Schriftsteller wirklich daran hatten, wird ganz bestimmt noch Gegenstand zahlreicher Untersuchungen sein. Mir scheint, auch der neue Roman von Fries muß sich dieser gänzlich verwandelten historischen Situation stellen, obwohl er noch vor dem Zusammenbrechen poststalinistischer Gesellschaftsspielregeln geschrieben wurde. Mit eben diesen Spielregeln mußten auch die Schriftsteller des DDR-Literaturbetriebes mehr oder weniger gut jonglieren.

Fries hat das ja selbst zu spüren bekommen. Sein erster Roman „Der Weg nach Oobliadooh“, 1966 im bundesdeutschen Suhrkamp Verlag veröffentlicht, konnte erst 23 Jahre später in der DDR erscheinen. Fries hatte allzu direkt das nonkonforme Lebensgefühl junger Leute vor dem Bau der Berliner Mauer, ihr Pendeln zwischen den politischen Systemen, gefeiert.

Seitdem wurde Fries sublimer und einfach schlitzohriger. Seine Romane „Alexanders neue Welten“ (1982) und „Verlegung eines mittleren Reiches“ (1984) bargen, genau gelesen, Gesellschaftskritik ungewöhnlicher Tragweite und Schärfe. Fries hat auch in seinem neuen Roman nichts unversucht gelassen, den Stalinismus der Lächerlichkeit auszuliefern. Zwischen den Zeilen kann man lesen, wie diese gesellschaftliche Deformation bis in die Gegenwart wirkt, wenn die Friesschen Protagonisten bei politischen Kursänderungen einfach die nächsthöhere Stufenleiter der Nomenklatura erklimmen wie der Konrektor aus der Leipziger Oberschule des Ich-Erzählers.

„Der Roman ist ein Ordnungsprinzip der Erinnerung“, heißt es bei Fries. Und ich glaube, in diesem Ordnungsprinzip, das jenseits aller tagespolitischen Bedingtheit existiert, ist die eigentliche künstlerische Heimat des Romanciers Fries zu finden. Als Homo ludens, als spielender Mensch also, bringt er das Eis in unseren Gedankensystemen und Verhaltensweisen zum Schmelzen. Dessen bedarf es immer wieder und gerade dann, wenn revolutioniert wird. Klaus Reichelt