Wurzburg

Du warst wie ein Altar, / der Tag und Nacht brannte, / und deine Kirchen lagen da / wie offne Weihgefäße" – so besang Gertrud von le Fort das schöne, alte Würzburg, das am Abend des 16. März 1945 in einem Bombenangriff der britischen Luftwaffe dahinsank. An das milde, schreckliche Frühjahr vor 45 Jahren zu erinnern scheint angezeigt, jetzt, da Deutschland hüben und drüben wieder zusammenfindet. Vor wenigen Wochen wurde zum erstenmal in gesamtdeutschem Rahmen des Untergangs von Dresden gedacht, diesmal ohne die üblichen ideologisch gefärbten Anklagen gegen die englisch-amerikanische Kriegführung. Aber über Dresden wird nur zu oft vergessen, was sonst noch alles gegen Ende des Krieges an alten Städten und unersetzlichen Kulturschätzen verlorenging.

Würzburg, dieses Kleinod europäischer Barockkunst mit der fürstbischöflichen Residenz von Balthasar Neumann, den vierzig Kirchen, den alten Domherrenhöfen und Bürgerhäusern, wurde im Verhältnis zu Dresden (bezogen auf Größe, Bevölkerungszahl und zerstörter Fläche) weitaus schlimmer getroffen als das vielbesungene "Elb-Florenz". In einem offiziellen Werk der Royal Air Force (RAF) steht es schwarz auf weiß: "Keine andere Stadt außerhalb des Ruhrgebiets wurde so vollständig verwüstet, 89 Prozent von allen Gebäuden wurden zerstört." (In Dresden waren es rund fünfzig Prozent.) Neunzig Prozent der Bevölkerung mußten evakuiert werden.

Dabei verdankt Würzburg dieses grausame Schicksal womöglich nur einem Zufall. Max Domarus hat in seiner aktenkundigen Darstellung ("Der Untergang des alten Würzburg im Luftkrieg gegen die deutschen Großstädte", 5. Auflage 1982) belegt, daß die Stadt nur deswegen auf die Zielliste der britischen Bomberflotte gelangte, weil die Verwaltung 1930 der Großmannssucht erlag: Würzburg wollte "Großstadt" werden. Deshalb hat man das freie mittelalterliche Heidingsfeld vor den Toren der Stadt eingemeindet, damit die Einwohnerzahl von 100 000 erreicht wurde.

Die britische Kriegführung hatte sich im Frühjahr 1942 entschlossen, einen strategischen Luftkrieg gegen Deutschland zu führen, um die Moral der Bevölkerung zu zermürben. Strategisch hieß: Durch Flächenbombardements (im Volksmund "Bombenteppich") sollten systematisch alle 58 deutschen Großstädte im Reichsgebiet (also einschließlich Österreichs und der Ostprovinzen) zerstört werden. Lübeck und Rostock eröffneten den Totenreigen. Domarus zitiert den britischen Luftmarschall Sir Arthur Travers Harris ("Bornber-Harris"), den einstigen Kommandeur der strategischen Bomberverbände: Bis zum Dezember 1944 hatte die RAF bereits achtzig Prozent der deutschen Großstädte "vollständig vernichtet oder sehr ernstlich zerstört". Die übrigen, besonders in Ostdeutschland, sollten 1945 an die Reihe kommen. Und so geschah es. Am 2. Januar wurde die Altstadt von Nürnberg ein Raub der Flammen, am 16. des Monats folgte Magdeburg.

Im Februar sanken Wiesbaden, Dresden, Chemnitz, Erfurt, Anfang März Halle und Dessau dahin. Die Würzburger hatten, ähnlich wie die Dresdner, gehofft, sie würden von den Bomben verschont bleiben. Aber erst eine Woche nach dem Angriff, am 23. März 1945, nach der Überquerung des Rheins durch die Alliierten, wurde die strategische Luftoffensive gegen deutsche Großstädte eingestellt. Drei schlesische Städte entgingen den Bomben, weil inzwischen die sowjetischen Armeen an der Oder standen. Potsdam und Plauen, weil schon im Frontgebiet, wurden aus militärtaktischen Gründen noch Mitte April aus der Luft zerstört.

Wie man sieht, traf es vor allem Großstädte in der heutigen DDR – so ist ihr Schicksal den Westdeutschen allmählich aus der Erinnerung entschwunden. Darüber darf man aber nicht die vielen Mittelstädte vergessen, die noch im Frühjahr 1945 gnadenlos zerstört wurden: so im Norden die alte Fachwerkstadt Hildesheim, so im Südwesten Pforzheim, so in der Mitte Halberstadt und Nordhausen. All diese Namen gemahnen die Menschen in den (noch) beiden Staaten daran, daß von deutschem Boden niemals wieder ein Krieg ausgehen darf. Karl-Heinz Janßen