West-Berlin

Wenn die Reiche zerfallen, dann naht erfahrungsgemäß die Stunde des Predigers. Billy Graham, der Evangelist aus North Carolina, hat neuerdings eine Adresse in Berlin-Neukölln, und das Büro „Billy Graham Berlin 90“ veranstaltet in beiden Teilen der Stadt missionarische Gesprächsrunden.

Am vergangenen Wochenende hatte Graham einen Termin in der Gethsemane-Kirche am Prenzlauer Berg und tags darauf einen großen Auftritt vor dem Reichstag, bei heftigem Regen allerdings; so wurden es nicht so viele Zuhörer wie erwartet. Statt 100 000 kamen vielleicht 10 000, so viele, wie gewöhnlich am Wochenende aus weltlichen Motiven den Polenmarkt besuchen, der gleich um die Ecke liegt.

Im Radio waren Billy-Graham-Werbespots gesendet worden, man hatte Plakate geklebt: „Hören Sie den Mann, dessen Botschaft dem Leben Sinn geben kann!“ Dazu sieht man Billy Grahams Hinterkopf, von dem das üppige Haar auf den Kragen stößt und sich um die Ohren schlingt. Der Prediger ist, 71 Jahre alt, auch von vorne besehen gut beieinander.

Er spricht feuriges Englisch, aus dem ein weniger begabter Pastor ein Satz für Satz laues Deutsch macht. Grahams Auftritt ist auch auf einer großen Videowand hinter seinem Rücken zu sehen, rund um die Bühne haben sich Ordner aufgebaut, die es an Entschlossenheit ohne weiteres mit ihren Kollegen aus der Popmusikbranche aufnehmen könnten.

Offenbar hat Billy Graham die Mauerspechte beobachtet und gesehen, wie dick dieses Bauwerk ist, / saw how hard and how strong this wall was, aber die Mauer der Sünde sei noch viel stärker, und Jesus sei gekommen, diese Mauer niederzureißen. Das p, den bilabialen Plosivlaut, läßt Billy Graham explodieren, wie es allenfalls Franz Josef Strauß vermochte. Das langgezogene a in law wärmt den Magen, das ten der Zehn Gebote wird hinreißend lässig ausgespuckt, aber seine Glanznummer ist zweifellos god, das Wort god bringt er mit sehr, sehr langem o und solchem Vibrato, daß es sogar den sterbenskranken Lenin in die Arme des nächstbesten Metropoliten getrieben hätte.

„Wir werden zusammen eine wundervolle Welt bauen, eine Welt ohne Kriege, ohne Krankheiten, ohne Gefängnisse, ohne Armeen.“ Wie der Weg dahin aussieht? Graham greift zu Gleichnissen und erzählt Geschichten von Schafen und Ameisen. „Ich lebe in the southern part of America. Da haben wir Schafe und Ziegen.“ Eines Tages laufen die Tiere weg, aber ein schlauer Bock findet mühsam den Weg zurück zu den Grahams. „Wir sind auch wie Schafe, sagt die Bibel, aber Gott sucht nach dir.“ Oder bei einem Spaziergang: Die Familie zertrampelt versehentlich einen Ameisenhaufen, die Kinder wollen den Tieren helfen, doch das geht nicht, weil Ameisen viel zu klein sind. „Du mußt dazu selbst eine Ameise werden“, sagt Vater Graham, „und genau das hat Gott (goood!) getan“, als er seinen Sohn zu uns schickte.