Selten haben Ursache und Wirkung in so krassem Mißverhältnis zueinander gestanden wie im Fall der Spiegel-Rangliste westdeutscher Hochschulen. Daß die scheinbar harmlose Frage „Welche Uni ist die beste?“ in die Hochschullandschaft einschlagen würde wie eine Bombe in einen verträumten Dorfweiher, damit haben wohl selbst die Urheber der Katastrophe nicht gerechnet. Noch haben sich die Wogen nicht geglättet, und schon tritt der Spiegel kräftig nach: Seit Anfang letzter Woche ist das Spezial-Heft zum Thema auf dem Markt.

Da reibt sich der Laie fassungslos die Augen. Ranking, das Zusammenstellen von Ranglisten für Universitäten, vor Jahren einmal ausufernd und zermürbend diskutiert, war ja inzwischen eher zu einem Seitenthema der Bildungspolitik herabgesunken, zu einem Zeitvertreib für verdöste akademische Wochenendseminare. Und nun spaltet es plötzlich die scientific Community, gehen Rektoren und renommierte Hochschullehrer wütend aufeinander los. Ganz artenwidrig hackt auf einmal jede Krähe der anderen ein Auge aus.

„Solche Listen sind des Teufels.“ Zermürbende Konkurrenz, gnadenloser Wettkampf könnten die schreckliche Folge sein, prophezeien die einen und beschwören hilfeheischend Humboldts Geist. „Unbedingt brauchen wir Wettkampf und Konkurrenz“, jubeln die anderen. Das löse akademische Verstopfung und bringe Leben in verstaubte Elfenbeintürme. So wie Princeton auf Yale, Oxford auf Cambridge folgt, so soll auch bei uns alles werden wie bei den Angelsachsen. „Ranking – im Prinzip ja, aber bitte nicht in dieser Weise“, giften die dritten, die selbst schon jahrelang an eigenen Bestenlisten basteln, sie jedoch trotz flotter Sprüche („Bundesliga für die Hochschulen“) nicht recht unter die Leute bringen konnten.

Derart kontroverse Positionen allein aber erklären noch nicht die Erbitterung, mit der hier gestritten wird. Nein, die allgemeine Aufregung verbirgt nur unzulänglich, was die Gemüter erhitzt: Einmal ist das natürlich die Untersuchungsgrundlage. Da wurden doch tatsächlich Studenten nach ihrer Meinung gefragt – ein in unserem Wissenschaftsbetrieb gänzlich unübliches und höchst suspektes Vorgehen. Der eigentlich Affront aber liegt im Untersuchungsergebnis selbst: Deutschlands beste Universität ist die Gesamthochschule Siegen! Auch oder gerade weil dieses Ergebnis methodisch auf reichlich schwankenden Füßen steht: Es stellt eine Ungeheuerlichkeit dar, die für die Repräsentanten unserer Traditionsuniversitäten ewig unverdaulich bleiben wird.

Alt-Heidelberg, „du Feine“, irgendwo zwischen Platz 26 und 42. Köln und seine 600-Jahr-Vergangenheit – mal gerade auf Platz 18; TU und FU Berlin, mit dem fortschrittlichen Vordenker-Image – absolute Schlußlichter; Göttingen, Bonn, München – versunken im Nebel grauer Mittelmäßigkeit. An der Spitze statt dessen Siegen, Bremen, Konstanz und andere argwöhnisch betrachtete Geschöpfe des Bildungsbooms. Die Hochschulwelt steht auf dem Kopf.

Darf ein besorgter Beobachter des Aufruhrs es da wagen, einen Ratschlag zu geben? Kauft doch dem Spiegel nicht gleicht alles so ab, wie er es liefert! Nicht die Hochschulwelt steht auf dem Kopf, sondern die Rangliste. Stellt sie vom Kopf auf die Füße und siehe da: Was pompös als ranking einherkommt, ist im Grunde eine einfache Mängelliste, eine simple Aufstellung all der Unzulänglichkeiten, an denen unser Hochschulwesen krankt. Zuerst käme dann – und das funktioniert auch ganz ohne soziologische Untersuchung – die mit den größten Mängeln behaftete Freie Universität von Berlin. Denn da sind die Hörsäle am vollsten, ist die Austattung am schlechtesten, die Relation von Professor zu Studenten am ungünstigsten. Und so weiter, bis sich dann im Niemandsland der Provinzuniversitäten die Studienkonditionen nach und nach verbessern.

Verkehrt herum gelesen macht die Spiegel-Rangliste durchaus Sinn; da könnte sie gar vom Zankapfel für Professoren zur Pflichtlektüre für Bildungspolitiker avancieren. Sabine Etzold