Eindrücke von der Frühjahrsmesse: Nachdenklichkeit und Goldgräberstimmung

Von Nikolaus Piper

Die Stunde Null ist schon vorbei in Leipzig. Hier in der Fußgängerzone Grimmaische Straße hatten vor einem Jahr, am Montag nach Eröffnung der Frühjahrsmesse 1989, ein paar hundert Leute die Präsenz ausländischer Medien zu einer der ersten illegalen Montagsdemonstrationen genutzt. "Wir wollen raus", riefen sie damals, und "Stasi raus", ehe sie von eben dieser Stasi verprügelt wurden.

Heute ist wieder Messemontag und wieder drängeln sich die Menschen in der Grimmaischen Straße. Sie stehen Schlange vor dem Schankwagen einer bayerischen Brauerei, wo es in Plastikbechern Pils für fünf Mark Ost gibt. Direkt daneben hat eine Weinhändlerin aus Rheinhessen ihren Stand aufgemacht. Auf der anderen Seite ein Konzessionär von Pepsi-Cola. Ein bißchen weiter in Richtung Marktplatz kommt man an einer Filiale des Hamburger Otto-Versandes vorbei, um dann vor einer fünf Meter hohen Chiquita-Banane aus Plastik zu landen. Dort gibt es von einem fliegenden Händler aus der Bundesrepublik Fenchel, Tomaten, Radieschen zu kaufen und natürlich auch Bananen. Ein Stück hinter dem aufgeblasenen Symbol deutsch-deutscher Annäherung steht ein häßlicher grauer Betonklotz. Er heißt jetzt offiziell "Bürohaus Große Fleischergasse" und war früher einmal die gefürchtete Zentrale der Staatssicherheit in der DDR. In der Offizierskantine der Stasi hat ein Ehepaar aus Rheinland-Pfalz eine Kneipe eröffnet – "Wahnsinn", kommentieren die Wirtsleute die Geschäftseröffnung auf selbstgefertigten Handzetteln.

Vierzig Jahre lang war die Leipziger Frühjahrsmesse ein Schaufenster der DDR-Wirtschaft für den Rest der Welt. Hier präsentierte die Partei und Staatsführung die tatsächlichen und vermeintlichen Erfolge und spielte große Politik. Wie lange Honecker bei seinem Messerundgang mit wem und in welcher Reihenfolge sprach, konnte die deutsch-deutschen Beziehungen auf Jahre beleben und beeinträchtigen, je nach dem.

Für das Volk in Leipzig war die Messe auch ein Schaufenster, aber in ganz anderem Sinne: Einmal im Jahr lüftete die SED ein wenig die Käseglocke, die sie über das Land gestülpt hatte, und ließ etwas vom Duft der großen, weiten Welt herein. Dann drängelten sich die Leipziger staunend um westliche Produkte an Messeständen und um die Luxuslimousinen der Messegäste; sie standen Schlange für Hochglanzprospekte von Waren, die sie sich nie würden kaufen können.

Jetzt ist die Käseglocke verschwunden. Die große, weite Welt – sprich: der bundesdeutsche Kapitalismus – hat in Leipzig Einzug gehalten: laut, betörend und oft vulgär. Die Häuserwände sind jetzt vollgepflastert mit den Konterfeis westdeutscher Politiker, Leipziger Taxis werben für eine japanische Computerfirma und die ersten Straßenbahnen poltern mit Reklameaufklebern eines Strumpfherstellers durch die Stadt. In regelmäßigen Abständen knattert ein Hubschrauber über Leipzig – er pendelt zwischen dem Hotel "Merkur" und dem Flughafen Schkeuditz, ein besonderer Service für die Feinsten unter den Messegästen. Die Straßen sind überfüllt mit westdeutschen Autos und westdeutschen Managern; in Honeckers Bett im Regierungsgästehaus Schwegrische Straße schläft, wie es heißt, auch einer.