Von Fritz J. Raddatz

Es gibt einen Schriftsteller (wieder) zu entdecken, dessen Fähigkeit zu erhellenden Momentaufnahmen ohnegleichen ist, einen literarischen Brennspiegelschleifer: knapp bis zur Lakonie, ungeschminkte Portaits von Zeitgenossen vorführend, die sich zu einer "Galerie des Jahrhunderts" fügen, dessen Zeuge er ist: Hans Sahl, der heute im Alter von 87 fast blind in Tübingen lebt, dessen wundervoller erster Erinnerungsband "Memoiren eines Moralisten" schändlicherweise nicht einmal als Taschenbuch vorhanden ist und dessen luzide Prosa von der nach Sensationellen schnappenden Kritik vielleicht deswegen übergangen wird, weil sie dem eigenen Grobianismus einen Verweis erteilt. Denn auch als Kritiker war Hans Sahl eben eine andere Kategorie: Er hat, als er 24 Jahre alt war, im Tagebuch Kafka mit Hölderlin und Dante verglichen und sich nicht gescheut, den vielgerühmten "Blauen Engel" zu verreißen, weil der Film den Roman Heinrich Manns entpolitisierte und verniedlichte; er hat Thornton Wilder entdeckt und von einem unbekannten Autor namens "Seghers" nach der Erstlingserzählung "Aufstand der Fischer von Santa Barbara" gesagt, die Prosa erinnere an Kleist – zwei Monate später bekam Anna Seghers den Kleist-Preis.

Dieses Buch nun – das man wohl Band 2 von Hans Sahls Erinnerungen nennen darf – ist seine Besichtigung eines Zeitalters, in dem wir Menschen wie Hans Sahl – konnten sie sich denn vor den Mördern retten – ausspieen. Es erzählt von der Flucht wie von den Geflüchteten; das Kapitel über Varian Fry, den in vielen Erinnerungen Exilierter schemenhaft auftauchenden Amerikaner in Marseille, dem so viele Berühmte wie Unbekannte ihr Leben verdanken, ist in Wahrheit ein Stück; diese Geschichte aus dem Marseiller Untergrund, von gefälschten Pässen und betrogenen Hoffnungen und Schattenschiffen, die nie ankamen, von der Angst um ein Visum und der Not um ein Stück Brot: Das hat die Härte und Genauigkeit von Brechts "Furcht und Elend des Dritten Reiches". Gäbe es noch Dokumentarfilmredaktionen im deutschen Fernsehen – die Damen und Herren müßten bei Hans Sahl Schlange stehen.

Nun ist aber das Besondere an Sahls Technik des Schreibens, daß er seine Bildsequenzen schneidet; nie umgarnt er den Leser mit fein ausklingenden Erzählungen. Er bricht sie einfach ab. Sie haben dadurch eben jenen Blitzlicht-Schock-Effekt, der manchmal geradezu schmerzt. In wenigen Sätzen erwähnt er die Schwester, die sich das Leben nahm: "Sie hatte in Berlin, als junges Mädchen, mit dem Kronprinzen Tennis gespielt. Er liebte es, mit den Töchtern aus gutem jüdischen Hause Tennis zu spielen, denn sie ließen ihn gewinnen. Keine Tochter aus gutem jüdischen Hause wollte es mit den Hohenzollern verderben." Aus. Abgeblendet. Und eine Epoche schien auf. Jene, die man gerne glanzvoll nennt, "die wir aus dem Feuer des Untergangs zu retten versuchten und durch halb Europa trugen, in Kleidern, die selbst schon zu brennen anfingen, Fackeln, die durch die Nacht der Völker irrten, bis sie langsam in London oder New York oder Prag erloschen". Diese Kraft des Luziden macht Hans Sahl sobald keiner nach; wieviel Rhetorik wird dagegen zu schepperndem Blech.

Das hat seinen Grund. Hans Sahl hat eben nie geredet, sondern gehandelt. Er ließ sich nichts vormachen. In diesen Passagen, in denen das Buch von den Auseinandersetzungen der Linken (in Weimar und im Exil) berichtet, hat es eine geradezu brennende Aktualität. Es geht um nicht mehr und nicht weniger als um die linken Lügen. Entsetzlich die Szene, wie man den jungen Hans Sahl im Schutzverband Deutscher Schriftsteller im Exil in eine kommunistische Intrige gegen Leopold Schwarzschild hineinzwingen will; man muß an Walter Jankas Charakterisierung von Anna Seghers denken, wenn man liest: "Es wurde beschlossen, eine bedeutende Schriftstellerin, eine Autorin von Weltansehen, Anna Seghers, vorzuschicken, die mich bearbeiten sollte. Sie war zur Schutzheiligen der engagierten Schriftsteller erklärt worden. Sie war die Therese von Konnersreuth der KP, die in eine Art von transzendentem Singsang verfiel, wenn es darum ging, die letzten Beschlüsse des Politbüros bekannt zu machen. Sie berichtete nicht einfach, worum es ging, sie verkündete, sie hatte Gesichte. Sie entledigte sich des Auftrags mich umzustimmen mit somnambuler Eindringlichkeit, indem sie einen gefährdeten, wenn nicht gar schon gestrauchelten Freund davor warnte, den Kampf gegen Hitler durch Rückfälle in eine kleinbürgerliche Moral, die immer nur dem Klassenfeind helfe, zu sabotieren."

Egon Erwin Kisch erledigte derlei Aufträge knapper. "Beruhige dich", sagte er dem über den Hitler-Stalin-Pakt empörten Kollegen, "Stalin denkt für uns." Das Resultat dieses Irrsinns haben wir, 1990, als gigantischen Trümmerhaufen noch immer vor uns. Da ist es gut und nützlich, daran erinnert zu werden, daß es Leute gab, die das nicht mitmachten (was die Frage, warum so viele es so lange sehr wohl mitmachten, nicht erleichtert). Hans Sahl schildert seinen Austritt aus diesem kommunistisch gesteuerten Verein: "Als ich meinen Brief in den Kasten steckte, hatte ich eine Genugtuung wie nie zuvor. Ich war meinem Gewissen gefolgt. Ich hatte getan, was ich mir schuldig war. Eins mit mir selber. Ich sah Paris mit anderen Augen, ich war wieder frei, ein Mensch wie jeder andere. Ich war nur noch mir Rechenschaft schuldig und keiner anderen Instanz, der ich erlaubt hätte, mir zu sagen, was ich zu tun hatte. [...] ‚Überleg’ es dir noch einmal’, sagte Kisch und nahm meine Hand. ‚Ich möchte nicht, daß wir gezwungen sind, dich zu bekämpfen. Wenn du willst, bring‘ ich die Sache wieder in Ordnung. Sofort. Du brauchst nur ein Wort zu sagen.’ Ich schwieg. Er ließ meine Hand los, beugte sich vor und stammelte, während die Zigarette in seinem Mundwinkel wie rasend auf und nieder hüpfte: ‚Weißt du, was du bist? Du bist das Schlimmste, was einer Partei passieren kann, du bist ... ein ..." Er blickte wild um sich, als wäre da jemand, der ihm das Wort, das er suchte, soufflieren könnte. ‚Ich weiß‘, sagte ich, ‚ein Konterrevolutionär, ein Lakai der Bourgeoisie.‘ ‚Nein‘, sagte Egon Erwin Kisch. [...] ‚Nein, noch etwas viel Schlimmeres – du bist ein Wahrheitsfanatiker!‘ schrie er."

Kleiner Vorschlag: Es sind doch nun so viele unabhängige, private Verlage in der DDR gegründet worden; wann, bitte sehr, erscheint dieses Buch dort – wo man derlei dringend braucht? Ungerne vernutzt man so große Worte – aber es ist doch geradezu prophetisch, wenn Hans Sahl 1944 auf den Satz von Ignazio Silone hinweist: "Man wird einmal sagen, daß Marxismus Opium fürs Volk ist." Das, fast wörtlich, hat vor kurzem Václav Havel gesagt, ein halbes Jahrhundert später...