Es sind eigentümliche Erzählungen, die Horst Peisker – nach „Maniac“, den autobiographischen Fragmenten aus dem Jahr 1983 – in seinem zweiten Buch vorlegt, eigensinnig und seltsam verquer. Etwas fehlt den Menschen, von denen hier erzählt wird; oft nur ein kaum benennbarer Mangel; manchmal sind es deutlich erkennbare körperliche Gebrechen, Prothesen; einige sind blind. Allen Figuren gemeinsam ist die verschobene, fast verschrobene Perspektive auf die Verhältnisse, deren Opfer sie sind. Sie klagen nicht, diese Leute. Im Gegenteil, sie schwärmen eher, sie alle haben irgendwie den Boden unter den Füßen verloren und bewegen sich doch, leichtfüßig, schwerfällig, natürlich in dieser Welt, die wie bei Robert Walser zauberhaft unwirklich real ist.

„Nurews Wanderung“ etwa, die letzte und umfangreichste Erzählung des Buches, beschreibt, absichtslos, wie nebenher, eine ziellose Wanderung, ohne Anfang, ohne Ende. „Die Straße“, beginnt Nurew, und zeigt gleich im ersten Satz ein gewisses Geschick, Gegensätzliches reizvoll auszuspielen, „ist noch dunkel vom Regen, aber der Morgen steigt klar und strahlend herauf. Ich trage zwei Koffer ohne Mühe. Seltsam, denn nach einer kurzen Stunde sind meine Schultern schon wie gelähmt. Das Land ist fremd und voller Sonne. Es macht mich heiter.“

Dieser Nurew, ein Herr Blum, Betty, Ludwig und der merkwürdige Kellner vom „Halbe Hermann“, einer ebenso merkwürdigen Kneipe, diese Figuren, die sich bei der „Wanderung“ treffen, die sich zuvor schon im „Ballhaus“ begegnet waren, sind Menschen, die sich bewegen, weil sie warten. Es sind dunkle, lichthungrige Gestalten, die etwa unten am Fluß mit langen Stangen Leichen aus dem Wasser fischen und, kurz gesagt, sich einen Spaß daraus machen.

Anders als in „Maniac“ ist Peiskers Sprache hier eher spröde, dosiert durchsetzt von Klischees, aber ohne die kraftmeierische Anstrengung, die seine autobiographischen Fragmente geprägt hatte. Peisker, ein gelernter Lehrer, hat sich viel herumgetrieben. Er hat als Stadtschreiber von Kelsterbach das Schreiben zu seinem Beruf gemacht. Im „Ballhaus“ sind die Erfahrungen eingegangen, nicht unmittelbar und auch nicht poetisch überhöht, sondern eigensinnig und verquer scheint hier Realität durch, die etwas erschreckend Wirkliches an sich hat. Martin Ludke

  • Horst Peisker:

Das Ballhaus

SVG-Verlag, Stuttgart; 95 S., 24,80 DM