Von Johannes Voswinkel

Ein bißchen vergilbt ist er schon, der Totenschädel, den Monsieur de Maison Rouge in seinen Händen balanciert – aber er hat ja auch einiges erlebt: Einem Vorfahren aus dem 17. Jahrhundert gehörte dieser Kopf, der einst auf dem Jesuitenfriedhof in Paris beerdigt wurde. "Die Jesuiten waren sehr ordentliche Leute: Sie haben dem Toten sogar einen Zettel mit Namen und Herkunft beigelegt", erzählt der Herr vom Château de la Batisse amüsiert.

Als sich 1789 die Revolution auch auf den Jesuitengräbern tummelte, kam das alte Stück wieder zutage und wurde, dank des Zettels, sorgsam verpackt in seine Heimat, die Auvergne, zurückgeschickt. Da liegt das knöcherne Kleinod nun in einem Holzkasten und ist die stille Freude des Monsieur de Maison Rouge.

Die Suche nach grantelndem Uradel hat mich in das Herz Frankreichs, in die Auvergne getrieben. Vorbei an Montluçon, vorbei an Clermont-Ferrand, direkt zum Schloß de la Batisse bei Chanonat.

Die Zeiten, als wir Bürgerlichen den Adel nur auf bunten Illustriertenbildchen bewundern durften, scheinen vorbei zu sein. Mehr und mehr Schloßherren müssen ihre Zimmerfluchten für Besucher und Ubernachtungsgäste öffnen – des Geldes wegen. Die Macht ist dahin, und jetzt müssen sie im Jahre 201 nach der Revolution auch noch ihre Betten mit der Bourgeoisie teilen.

Monsieur de Maison Rouge ist nicht verbittert. Dafür scheinen die Blutsbande zu seinem Château nicht stark genug zu sein – zu oft wechselte das Schloß während der Jahrhunderte den Besitzer. Das war so üblich zwischen den rivalisierenden Ritterhorden in der Auvergne. Da verhalf schon mal ein Meuchelmord zum Burgbesitz oder die Abwesenheit des Schloßherren zur Sarazenenjagd. Oder die eigenwillige Rechtsprechung: 1530 verübte der Schloßherr von la Batisse Selbstmord. Das Gericht in Clermont ließ den Leichnam in einem Sack in den Allier-Fluß werfen und klagte flugs die Witwe an. Der Prozeß dauerte fünfzehn Jahre und endete damit, daß der Richter zur einsamen Dame ins Schloß zog.

Erst seit 1961 gehört la Batisse direkt der Familie de Maison Rouge und versorgt sie seitdem ausgiebig mit Rechnungen. Deshalb ist Monsieur de Maison Rouge eher froh, daß die Revolution den großzügigen Ausbau des Schloßgartens nach einem Zirkel- und Linealplan von Versailles-Gärtner Le Notre verhindert hat. Denn für die Pflege von rasierten Hecken und gestutzten Bäumchen muß der Schloßherr auch heute selbst aufkommen, während bei Reparaturen am feudalen Gebäude die Republik die Hälfte der Kosten übernimmt. "Es ist ein schweres Los, ein Schloß zu besitzen", beteuert Monsieur de Maison Rouge. "Wir müssen mehrere Räume zu Gästezimmern umbauen, denn es zählt jeder Sou."