Von Freimut Duve Was geschieht mit Theatern, Orchestern und anderen kulturellen Einrichtungen der DDR nach der Wahl? Und was sind die Folgen für Kultur und Politik in der Bundesrepublik?

Unlösbarer Bestandteil der gesamten Gesellschafts- und Staatspolitik“, so schreibt ihr Hagiograph Hans Koch 1983, sei die sozialistische Kultur- und Kunstpolitik. Er beruft sich in seiner 140-Seiten-Hymne auf die Kulturleistungen der DDR vornehmlich auf Lenin und Honecker: „Die DDR erweist sich als Bewahrerin aller wertvollen, progressiven, humanistischen und revolutionären Ideen... Unsere Republik verkörpert die Kontinuität alles Guten, ebenso wie den radikalen Bruch mit allem Reaktionären in der deutschen Geschichte und Kultur.“ Erich Loest hat seine Begegnung mit dieser Bewahrerin der Kultur in seinem Buch „Der vierte Zensor“ peinlich genau festgehalten.

Was aber wird aus den kulturellen Einrichtungen der DDR, die mit solcher Lobhudelei im Auftrag der Staatsmacht gepriesen wurden? War auch hier alles Schrott? Braucht auch die Kulturlandschaft der DDR den Sanierungs- und Planierungsbagger Marktwirtschaft? Muß alles weg und alles neu geschaffen werden, was Staatshybris sich in Dienst gestellt hatte?

Natürlich, sagt der Leiter eines hiesigen internationalen Theaterfestivals, natürlich sind die Schauspieler in der UdSSR und in der DDR wesentlich besser ausgebildet als hier bei uns. Natürlich, sagt ein Literaturkritiker, sind die Ausbildungsstätten für Schriftsteller in Leipzig und in Moskau einmalig. Ich lese in den Unterlagen der staatlichen Zentralverwaltung für Statistik, daß es in der 17-Millionen-DDR 50 Schauspielensembles und 175 musikalische Ensembles gibt, davon allein 47 Theaterorchester. In den festen Theatern der DDR gibt es 55 568 Plätze und immerhin noch 2065 Plätze in den insgesamt 17 Puppentheatern.

Die Reihe ließe sich fortsetzen: Die Welt der Lüge, diese von uns so selbstgewiß gescholtene Kulturlandschaft der DDR, zensiert und zentral überwacht, in die nun endlich die Luft der Freiheit wehen und das Licht der kulturellen Vielfalt leuchten sollen, diese Welt ist gut bestückt worden mit Kultureinrichtungen, über deren Zukunft das Nachdenken lohnt. Ist die ideologische Software auch zerbröselt in diesem demokratischen Aufbruch, einiges von der Kultur-Hardware der DDR kann sich durchaus sehen lassen.

Zwei Erfahrungen haben mich in den letzten Wochen verblüfft. Anfang Dezember hatte ich einen Aufruf verfaßt zur raschen Gründung eines gemeinsamen Kulturfonds, der sich aus Haushaltsmitteln des Bundes und der Länder speisen soll, aber – staatsfern – von Künstlerverbänden selbst verwaltet (und verteilt) wird. Seither habe ich mit vielen Menschen in der DDR gesprochen über die künftige Entwicklung einer „neuen Kulturpolitik“. Dabei habe ich zu meinem Erstaunen gelernt, wie wenig diese „zentralistisch“ verwaltete DDR-Kultur über sich selber Auskunft geben kann. Wie schwer es ist, an verläßliche Statistiken oder auch an jenen Typ von sich selbst feiernden Broschüren zu gelangen, die bei uns schon ein eigenes Druckgewerbe in Gang halten.

Wie viele der gerühmten Kulturhäuser gibt es wirklich? Zweitausend, wie mir der Leiter der Kulturhäuser in Leipzig versicherte, oder 876, wie sie der Auszug aus den amtlichen Statistiken ausweist? Und wie viele Menschen arbeiten in diesen Häusern? Wie viele werden (oder wurden) von den großen Firmen unterhalten, wie viele von anderen nichtstaatlichen Organisationen? Allein in Suhl, dem kleinsten Bezirk der DDR, sind 1988 698 Konzerte gegeben worden vor 235 092 Besuchern. Solche gewaltigen Zahlen hat man mir gegeben. Aber wie viele Musiker arbeiten hauptamtlich in diesen Orchestern? Und wer sind die Träger? Wem gehören die Konzerthäuser? Wem sollen sie nun übergeben werden? Den Städten? Den künftigen Ländern? Privaten Trägern? Wer entscheidet wann, ob sie geschlossen werden? Klar ist nur, daß viele in diesen Bereichen Tätige heute schon wissen, daß sie von April an kein Gehalt mehr bekommen. Anderen ist von regionalen Körperschaften zugesagt worden, daß ihr Salär bis Jahresende gesichert sei.