Von Helmut Trotnow

Gegenwärtig ist es nicht gerade günstig, sich mit der Geschichte des Sozialismus zu befassen. Allzu schnell stellt sich angesichts des Zerfalls der sozialistischen Staaten in Ost- und Mitteleuropa die Frage nach der Relevanz. Die Betroffenen selbst reagieren ohnehin mit tiefer Verbitterung. Der folgende Vorfall macht dies deutlich: Es geschah in der diesjährigen Silvesternacht auf dem Marx-Engels-Platz in Ost-Berlin. Zielstrebig ging der Mann mittleren Alters auf das Denkmal der Namenspatrone des Platzes zu. Alkohol war nicht im Spiel. Der Mann war stocknüchtern. Beinah feierlich baute er sich vor den beiden Ahnherren des „wissenschaftlichen Sozialismus“ auf. Dann zog er blitzschnell eine Sektflasche aus seiner Tasche und schlug damit auf die überlebensgroßen Metallfiguren ein. Ruhig sagte er dabei: „Ihr Hunde seid an allem schuld.“

Die Verbitterung ist menschlich verständlich. Für die notwendige Analyse der Ursachen verstellt sie eher den Weg. Es mag ironisch klingen, aber der Mann wurde selbst auf dem Höhepunkt seiner Genugtuung über den Niedergang des Sozialismus in der DDR ein Opfer der dort herrschenden Geschichtsideologie. Gewiß, Karl Marx und Friedrich Engels zählen zu den bedeutsamen politischen Denkern des 19. Jahrhunderts. Dennoch ist es zu einfach, sie rund hundert Jahre nach ihrem Tode für politische Fehlentscheidungen der Gegenwart verantwortlich zu machen. Ebensowenig geht es an, die Geschichte des Sozialismus auf Marx und Engels allein zu reduzieren. Dies zu tun war bislang das Privileg der sogenannten marxistisch-leninistischen Geschichtsschreibung. In Klammern muß dabei immer das Wörtchen „stalinistisch“ hinzugefügt werden. Auch im Sozialismus wurde die Geschichte von den Siegern geschrieben. Verzerrungen und Verfälschungen waren die Folge. Helmut Schmidt hat dies kürzlich in einer Diskussion des DDR-Fernsehens so veranschaulicht: Aus der von Marx und Engels formulierten theoretischen Vorstellung von der Diktatur des Proletariats leitete Lenin die politischpraktische Forderung ab von der Diktatur der bolschewistischen Partei. Stalin machte daraus die Diktatur des Generalsekretärs der Partei. Es wäre fatal, würden wir die Geschichtsideologie des Marxismus-Leninismus und Stalinismus durch eine ebenso eindimensionale Ideologie nur mit umgekehrten Vorzeichen ersetzen. Darüber hinaus ist zu bedenken, worauf Kurt Biedenkopf hingewiesen hat, daß die Menschen auch nach der Auflösung der sozialistischen Staatenwelt für die Ausgestaltung ihrer zukünftigen gesellschaftlichen Entwicklung auf Utopien angewiesen sind. Das Gedankengut des Sozialismus bietet hierfür Material. Das Studium der Geschichte des Sozialismus kann uns dabei helfen, nicht noch einmal dieselben Irrwege zu beschreiten.

Wie vielfältig die Wege zum Sozialismus waren, verdeutlichen zwei Veröffentlichungen, die Vertretern aus der Frühphase der politischen Arbeiterbewegung in Deutschland gewidmet sind. Im ersten Fall handelt es sich um den Schneidergesellen Wilhelm Weitling, mit dessen Namen die Vorstellung vom „Arbeiter“- oder „Handwerkerkommunismus“ verbunden ist. Weitling wurde 1808 in Magdeburg geboren und starb 1871 in New York. Seine Schrift „Die Menschheit, wie sie ist und wie sie sein sollte“ aus dem Jahre 1838 stellte zum erstenmal die „soziale Frage“ in den Mittelpunkt. Selbst Marx, der seinen Zeitgenossen nicht gerade großzügig Lob spendete, sprach anerkennend vom „brillanten literarischen Debüt der deutschen Arbeiter“. Erst zehn Jahre später verfaßte er selbst gemeinsam mit Friedrich Engels das „Manifest der Kommunistischen Partei“, jene Geburtsurkunde des wissenschaftlichen Sozialismus. Die zweite Publikation ist Wilhelm Hasenclever gewidmet, jenem gelernten Lohgerber, der zur Gründungsgeneration der SPD gehört und der sich als Autodidakt vom Journalisten zum Parteiführer und Parlamentarier hinaufarbeitete. Der berühmte Gothaer Vereinigungsparteitag von 1875, der mit den „Eisenachern“ und den „Lassalleanern“ die beiden Gruppierungen der deutschen Arbeiterschaft endgültig zusammenführte, fand unter seiner Leitung statt. Sein Name stand gemeinsam mit dem von Wilhelm Liebknecht als Gründungsredakteur auf der Frontseite des Vorwärts, der berühmten sozialdemokratischen Tageszeitung.

Es ist kein Zufall, daß am Anfang der politisch orientierten Arbeiterbewegung in Deutschland Handwerksburschen wie Weitling und Hasenclever stehen. Die zu Beginn des 19. Jahrhunderts einsetzende Industrialisierung mit ihren neuen Arbeitstechniken und Produktionsbedingungen bedrohte die wirtschaftliche Existenz gerade dieser Berufsgruppe. Die vielgepriesene Wanderszeit, während der die Handwerksburschen ihre Fertigkeiten perfektionieren sollten, wurde zum Wahrzeichen von Unterbeschäftigung. Die Arbeitsuchenden waren nicht überall gern gesehen und mußten sich mit rücksichtslosen Behörden ebenso herumschlagen wie mit örtlichen Zünften oder geizigen Herbergswirten. Die herkömmlichen Interessenvertretungen versagten. Rückblickend urteilte Hasenclever: „Die Zunft ist verfallen, weil sie den Fortschritt in der Kulturgeschichte nicht beachtete, weil sie den großen Revolutionen, welche durch Erfindung neuer, vollkommenerer Arbeitsmittel in der Gesellschaft sich vollzogen, teilnahmslos oder ratlos gegenüberstand.“ Verschärft wurde die Situation der Handwerker durch die allgemeine politische Situation, die nicht zuletzt dadurch gekennzeichnet war, daß den herrschenden Adelshäusern der Schrecken der Französischen Revolution von 1789 tief in den Knochen saß. Nach der Beseitigung der napoleonischen Herrschaft achteten sie im Wiener Kongreß von 1815 peinlich darauf, daß ihre Machtstellung nicht nur wiederhergestellt, sondern sogar noch verstärkt wurde. Die vom österreichischen Staatskanzler Fürst Metternich initiierten Karlsbader Beschlüsse von 1819 führten zur politischen Friedhofsruhe, worunter die Arbeiter genauso zu leiden hatten wie das Bürgertum. Diese Situation fand Weitling vor, als er sich 1836 auf die Wanderschaft machte. Sehr schnell mußte er dabei erkennen, daß die Arbeiter von den Bürgern nicht viel zu erwarten hatten. Diese waren zwar auch nicht immer mit den Entscheidungen der Obrigkeit einverstanden, doch opponierten sie selten öffentlich dagegen. Statt dessen schürten sie bei den Handwerksgesellen den „sozialen Protest“. Zynisch schrieb der württembergische Liberale Julius Holder 1847 einem Gesinnungsgenossen: „Das Volk rebellierte aktiv, die Bürger passiv. Der ‚Pöbel‘ erhielt harte Strafen, das Bürgertum neue Freiheiten.“ Im Gegensatz zu den meisten Zeitgenossen war Weitling nicht bereit, sich fatalistisch mit den Gegebenheiten abzufinden. Wie wohl alle politisch-kritisch Interessierten seiner Zeit orientierte er sich bei der Entwicklung seiner Vorstellungen zunächst an den Idealen der Französischen Revolution von Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit. „Aber“, so fragte er sich: „Welche Freiheit? Welche Gleichheit? Und wie sie bestimmen?“ Nicht zuletzt aufgrund der Erfahrungen während der Wanderschaft gelangte er zu der Ansicht, daß die politische Gleichberechtigung ohne die wirtschaftliche soziale Gleichberechtigung wertlos sei. In der Einleitung seiner Schrift schreibt er reimend:

„Die Namen Republik und Konstitution

so schön sie sind, genügen nicht allein,