Von Ulrich Greiner

„Nation“ ist ein Begriff, der, wenn Überhaupt eindeutig, dann jedenfalls nicht nach empirischen gemeinsamen Qualitäten der ihr Zugerechneten definiert werden kann. Er besagt, im Sinne derer, die ihn jeweilig brauchen, zunächst unzweifelhaft: daß gewissen Menschengruppen ein spezifisches Solidaritätsempfinden anderen gegenüber zuzumuten sei, gehört also der Wertsphäre an. Weder darüber aber, wie jene Gruppen abzugrenzen seien, noch darüber, welches Gemeinschaftshandeln aus jener Solidarität zu resultieren habe, herrscht Übereinstimmung.

Max Weber, Wirtschaft und Gesellschaft.

Haben wir nun genug diskutiert? Ist das letzte Wort über die deutsche Einheit längst gesprochen? Es sieht ganz danach aus. Also: Schluß der Debatte. Der letzte macht das Licht aus. Ein paar Hunde bellen noch.

An höhnischen Metaphern dieser Art fehlt es nicht. Der Zug sei abgefahren, sagte jüngst nicht nur dröhnend, sondern gleich mehrmals Rudolf Augstein in einer Fernsehdiskussion mit Günter Grass. Der hatte es riskiert, das Modell einer Konföderation gegen den allgemeinen Ruf nach nationalstaatlicher Einheit ins Feld zu führen.

Mag sein: Der Zug ist abgefahren. Mag sein: Die Sache ist gelaufen, wie nach Helmut Kohls Moskauer Gesprächen mit Gorbatschow Willy Brandt seine Sicht der Dinge knapp und platt zusammengefaßt hat. Aber geistige Debatten kann man nicht ausschließlich danach beurteilen, ob sie den materiellen Lauf der Dinge aufzuhalten vermögen. Ich will gar nicht Hegels berühmte Eule der Minerva bemühen, um mir selber klarzumachen, daß die intellektuellen Diskussionen der jüngsten Zeit, betreffen sie nun das Ende des Sozialismus oder die Zukunft Deutschlands, von Vergeblichkeit und Retrospektion geschlagen sind. Aber sollen wir deshalb aufhören zu streiten?

Natürlich sind die Tausende, die täglich die Grenze Richtung Westen überqueren, ein stummes Argument. Natürlich sind die schwarzrotgoldenen Fahnen in Leipzig ein beredtes Zeugnis. Aber ich vermute und hoffe, daß den Einheitsrufern in der DDR weniger die Nation am Herzen liegt als die D-Mark. Daß sie nicht so sehr das deutsche Vaterland ersehnen als BMW. Und ich, der ich das Glück habe, D-Mark zu besitzen, und das Glück hatte, BMW zu fahren, werde mich hüten, anderen von diesem Glück abzuraten. Aber all das hat doch mit dem Intellektuellen-Getöse um die deutsche Nation nicht das geringste zu tun. Oder habe ich alles mißverstanden?