Mehr als sechzehn Jahre lang regierte General Augusto Pinochet Chile wie einen Kasernenhof. Und nach Meinung des Diktators wurde der Staat am Wochenende besenrein an Patricio Aylwin übergeben. Dies ließen sich die Militärs jedenfalls noch schnell von dem ihnen ergebenen Obersten Gerichtshof bescheinigen: Weil alles mit rechten Dingen in der Diktatur zugegangen sei, gäbe es keinen Grund, irgendeinen Staatsdiener wegen Verfehlungen vor den Kadi zu zerren. "Wenn nur einem meiner Leute etwas passiert", so drohte der alte Haudegen Pinochet, "dann ist es vorbei mit dem Rechtsstaat."

Die Militärs muten der neuen demokratischen Regierung und der Volksvertretung also zu, daß die dunkle Vergangenheit unter den Teppich gekehrt bleibt. Auch nach dem Rückzug in die Kasernen beanspruchen sie für sich einen Sonderstatus. Durch eine Reihe von "Gesetzen", die sie sich noch zuletzt erlassen haben, wollen sie verhindern, daß ihnen die zivilen Politiker auf die Finger schauen. Pinochet wird seine Posten im Senat, im Nationalen Sicherheitsrat und als Oberbefehlshaber des Heeres nicht abgeben; den Zeitpunkt seiner Pensionierung will der 74jährige selber bestimmen. Der Alte hat für sich und seine Kameraden vorgesorgt – wenn auch die meisten Chilenen die Machenschaften der Militärs als Knebelung der Demokratie empfinden.

Wie soll Patricio Aylwin mit dem starrsinnigen Pinochet zurechtkommen? Das ist, neben den Sorgen um einen sozialen Ausgleich im Südwesten Lateinamerikas, die Gretchenfrage in Santiago. Der Präsident wird sein ganzes diplomatisches Geschick aufwenden müssen, um bei der Gratwanderung zwischen notwendigen Reformen und einer friedlichen Koexistenz mit den Militärs nicht abzustürzen. Carl Goerdeler